Gegen die Uhr ...

 Die Watzmann-Überschreitung ist eine bekannte und oft durchgeführte Tour. Meistens steigt man am ersten Tag vom Königssee, vom Parkplatz Hammerstiel oder von der Wimbachbrücke zum Watzmannhaus auf, um dann am nächsten Tag in aller Frühe die aussichtsreiche und stellenweise anspruchsvolle Überschreitung des Grates anzupacken. Von der Südspitze geht's dann sehr steil und abwechslungsreich ins Wimbachgrieß hinab, durch das man noch einige Kilometer wandern muß, bis man wieder die Zivilisation erreicht. Eine große, hochalpine Tour also. Wenn man alle Einzeletappen zusammenrechnet, kommt man laut Alpenvereinsführer auf etwa 15 Stunden Gehzeit. Mich reizt die Frage: Wie schnell schaffe ich es, wenn ich diese Tour auf Zeit mache? An einem Tag - das sowieso, klar. Aber wieviele Stunden würden es denn tatsächlich werden? Schaffe ich es unter zehn? Unter acht? Oder noch schneller? Da ich die Überschreitung schon mehrere Male durchgeführt habe, kenne ich die Strecke und traue mir ein zügiges Gehen auch am Grat zu. Es kommt ein kühler Augusttag im Jahr 2001, wo der Plan schließlich in die Tat umgesetzt werden soll. Mit von der Partie ist mein Freund Beni, der ebenfalls die Überschreitung auf Zeit vorhat. Nachdem es aber wenig sinnvoll ist, zu zweit zu gehen, da man nie genau denselben Konditionsstand hat, entscheiden wir uns für eine amüsante Lösung des Problems: Wir starten beide an der Wimbachbrücke, aber Beni besteigt den Watzmann klassisch von Norden her, übers Watzmannhaus, um dann von der Südspitze ins Wimbachgrieß abzusteigen und übers Wimbachtal zur Brücke zurückzukehren, während ich gleich das Wimbachtal raufwandere und von Süden her die Überschreitung der Gipfel angehe. Für unsere Begegnung oben am Watzmanngrat vereinbaren wir zum Spaß absolutes Schweigen. Angepeilte Wunschzeit ist irgendwas unter acht Stunden.

Und los geht's! Sehr zügig wandere ich die vielen Kilometer des Wimbachtals nach oben, mein Rucksack ist leicht, und ein Trinkschlauch hilft Zeit sparen, da ich unterwegs trinken kann und weniger Pausen machen muß. 1:21 h brauche ich bis zur Wimbachgrießhütte. Das ist zwar nicht extrem schnell, aber ich brauche ja meine Kräfte noch beim heftigen Steilaufstieg auf die Watzmann-Südspitze. Ein Energydrink, ein Schokoriegel, etwas Traubenzucker, und schon bin ich mitten in der Steilflanke, ich pumpe nach oben, was das Zeug hält und gehe an meine körperlichen Grenzen. Zum ersten Mal nach langer Zeit habe ich mal wieder richtig Seitenstechen, aber andererseits fühle ich auch ganz deutlich, daß ich so fit bin wie nie zuvor in meinem Leben. Als ich nach insgesamt 3:15 h den Gipfel der Südspitze erreiche, muß ich meiner Anspannung und Anstrengung mit einem euphorischen Schrei Luft machen. Ich bin mit der Zwischenzeit hochzufrieden und packe nach fünf Minuten Pause den Grat an. Gottseidank ist das Wetter heute nicht sonderlich gut, so daß ich in meiner Hetzerei sowieso keine schöne Aussicht verpasse, und darüber hinaus bleibt mir eine heiße Sonneneinstrahlung erspart. Das Problem sind vielmehr meine Knieschmerzen, die am Grat abrupt einsetzen. Wahrscheinlich ist die Beinmuskulatur dermaßen auf Steilaufstieg eingestellt, daß das ungleichmäßige Auf und Ab am Grat jetzt Probleme verursacht. Es geht sogar soweit, daß ich mir einen Abbruch der Aktion überlege. Letztendlich entscheide ich mich dann doch dafür, die Tour durchzuziehen, wenn auch mit verringerter Geschwindigkeit am Grat, um die Knie zu schonen. Und da kommt mir auch schon Beni entgegen! Wie vereinbart sagen wir kein Wort, sondern schütteln uns nur die Hände und gehen dann unbehelligt weiter. Was für eine groteske Begegnung! Nach insgesamt 3:56 h ab Wimbachbrücke stehe ich dann auf der Mittelspitze und darf mir (wenn auch vielleicht nicht ganz böse gemeinte) Kommentare anderer Bergsteiger anhören, wie sehr wir Auf-Zeit-Geher spinnen würden. Am Hocheck bin ich zunächst einmal froh, daß der Grat zu Ende ist, denn jetzt kann nicht mehr viel passieren, und das gleichmäßigere Absteigen ist auch für meine Knie deutlich angenehmer als die Kraxelei. Ohne wirklich das Letzte aus mir herauszuholen, steige ich übers Watzmannhaus, die Mitterkaser- und Stubenalm zur Wimbachbrücke ab, wobei sich zunehmend Fußschmerzen bemerkbar machen. Aber wen interessiert das jetzt noch! Noch einmal Zähne zusammenbeißen auf den letzten Metern, und dann bin ich auf einmal wieder bei der Wimbachbrücke, und der Blick auf die Uhr läßt mich grinsen: 6 Stunden und 24 Minuten habe ich gebraucht, wobei ich ganz deutlich spüre, daß es auch noch viel schneller geht. Ohne Knieprobleme und bergab vielleicht mit ein bißchen Rennen ist das noch um einiges steigerungsfähig. Ich bin jedenfalls mit meiner Tour total glücklich, genieße das faule Herumsitzen in der Wiese und denke an die felsigen Gipfel dort droben. 50 Minuten nach mir kommt auch Beni aus dem Wimbachtal an, und gemeinsam strecken wir die geschundenen Füße in den eiskalten Wimbach. Eine etwas andere Halbtagestour geht zu Ende ...

 

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