Ins wilde Turkestan

Eine Reise nach Iran, Turkmenistan, Usbekistan

(wissenschaftliche Exkursion der LMU München)

Unsere Reisegruppe (nicht vollständig)

Inhalt: Teheran - Der große Berg - Ostwärts - Mashad - Im einsamen Ostiran - Grenzübertritt ins Nichts - Mary und die Wüste - Buchara - Samarkand - Taschkent - Epilog

 

Teheran

Da ist sie wieder: Die Hauptstadt des Iran. Eine gigantische Metropole - die größte des Nahen und Mittleren Ostens, vielleicht auch die mit dem größten Smogproblem der Welt. Über zehn Millionen Menschen drängen sich hier in einer Ebene, die nördlich von wasserspendenden Bergen und südlich von einer riesigen Wüste begrenzt wird. Staus und Verkehrschaos ohne Ende. Ein Mann, der eine helmlose Begleiterin auf dem Soziussitz seines Rollers hat, bei roter Ampel einhändig in eine überfüllte Kreuzung hineinfährt und mit der anderen Hand gleichzeitig eine sms tippt . Großflächige Bilder von Märtyrern, Religionsführern, Waffen und Tulpen auf allen verfügbaren Häuserfassaden: Der erste Golfkrieg ist immer noch omnipräsent, aber auch die konstituiven Köpfe des jetzigen Regimes. "Tod über Amerika!", die Freiheitsstatue mit einem Totenkopf - man fühlt, daß man sich hier an einem Ort befindet, der für westliche Nachrichtensendungen von unbehaglichem Interesse ist. Überall piktographische Versuche, die Millionen zu indoktrinieren, zu beeinflussen, zu lenken. Die Realität des kleinen Mannes ist jedoch sein Alltag, und das bedeutet: Arbeiten - irgendwie, irgendwo, irgendwann. Und bei alledem viele Abgase einatmen. Die Atombombe ist da genauso fern und bedeutungslos wie die antizionistischen Äußerungen des Präsidenten.

Moschee in Teheran, daneben Hauswand mit Märtyrerabbildungen  Verkehrschaos in Teheran

Im Teehaus

 

Der große Berg

Gleich nördlich des endlosen Häusermeers von Teheran steilt sich ein Bergmassiv auf, das mit seinen sanften, geschwungenen Kuppen - fast ohne felsige Steilwände - recht harmlos wirkt, den gigantischen Dimensionen der Stadt aber in nichts nachsteht: Tochâl heißt der Hauptgipfel, und wollte man  in Zahlen und Superlativen sprechen, so müßte man erwähnen, daß er die Viertausendermarke nur um 38 Meter verpaßt und die angeblich längste Seilbahn der Welt aufweist. Und auch wenn die Besteigung keine technischen Schwierigkeiten verlangt, so sind es doch deutlich über 2200 Höhenmeter, die ein Gipfelaspirant überwinden muß, will er von der dünnen Luft dort oben kosten.

Ich breche frühmorgens zusammen mit Martin auf, um wieder einmal von oben auf die Riesenstadt hinabzuschauen. Das Gehen ist unspektakulär, meditativ und dauert Stunden - was wenig Stoff bietet, viel darüber zu schreiben. Die kleinen Zäsuren, die den gleichmäßigen Fluß des Wanderns unterbrechen, sind die Begegnungen mit iranischen Bergsteigern: Immer freundlich, immer extrovertiert - schließlich haben ja auch viele in Deutschland studiert und kramen gerne in der sprachlichen Erinnerungskiste. Einer hält sich für besonders witzig und tut in Form von Gesten so, als wolle er uns erschießen. Schließlich - ich hatte schon nicht mehr damit gerechnet und war fast erleichtert, als es doch noch passierte - stellt uns einer die Frage, ob wir denn wüßten, daß wir Deutsche auch Arier seien. Wir nicken brav und gehen schnell weiter in Richtung Gipfel. Ignorieren, lächeln, nicht auffallen - in Ländern wie dem Iran oftmals eine zweckmäßige Verhaltensmaxime. Im oberen Bereich des Berges liegt jetzt im April noch Schnee, doch überall ist gespurt, und unbehelligt trotten wir weiter nach oben; wegen des verringerten Sauerstoffgehalts der Luft und unserer mangelnden Akklimatisation in gedrosseltem Tempo, aber kontinuierlich. Nach über 6 ½ Stunden ist es dann endlich soweit: Ein Handschlag am höchsten Punkt, eisiger Wind, Erleichterung, Kopfweh. Am Horizont wie immer die unfaßbare Riesengestalt des Damâvand, des höchsten Berges im Mittleren Orient, so hoch, daß man zuerst viel zu weit unten nach ihm sucht und erst später begreift, daß das Weiße dort am Himmel keine Wolke, sondern sein verschneiter Gipfel ist . Mit dem ständigen Blick auf Teheran, das still und doch unruhig unter uns daliegt, steigen wir ab.  Als wir die Düfte und Geräusche der orientalischen Großstadt wieder erreichen, ist es bereits Nacht. Ein Taxi soll uns zurück zu unserem "Hotel Mashad" bringen, aber weil es in Teheran ein gleichnamiges anderes Hotel gibt, wird die Routinefahrt zu einer 90-minütigen Odyssee durch Staus, Hupkonzerte und persische Flüche. Egal, auch das geht vorüber. Was dagegen bleibt, ist die Freude über einen großen, gelungenen Tag.

Gleich nördlich von Teheran schwingt sich das Gebirge auf  Es erfordert viel Geduld und Ausdauer, in die höheren Regionen aufzusteigen

Der Mensch ist klein, groß ist der Berg  2200 Höhenmeter über der Großstadt

 

Ostwärts

Es geht ostwärts. Die Riesenstadt bleibt zurück, und mit ihr der hohe Berg, dessen verschneite Kuppe uns noch einige Kilometer weit hinterhergrüßt. All die anderen Eindrücke und Sehenswürdigkeiten von Teheran vermischen sich schon jetzt zu einem großen, unübersichtlichen Ganzen, und ich weiß: Ich bin nicht vorrangig hier, um mich mit historischen oder kunstgeschichtlichen Details zu beschäftigen. Die besondere Stimmung dieses Landes, die Landschaft, die Menschen, eine Art omnipräsente Aura entdecken und mit allen Sinnen erleben - das ist mein persönliches Ziel für diese Reise. Freilich sind die Besuche der großen Museen, der Universität und eines Schah-Palastes wichtig und lohnenswert. Aber irgendwie haben die persischen Gesichter beim Imbißstand unterwegs einen ganz anderen, viel lebendigeren Reiz. Berge von Gemüse. Dampfende Samovars. Staubige Straßen. Und ein ödes, flaches Land.

Ja, wüstenhaft und leer ist der Iran hier auf der Südseite des Alborz-Gebirges, die dem Kaspischen Meer abgewandt ist. Hier und da ziert ein spärlicher grüner Flaum den ockerfarbenen Boden, und grüner wird's das ganze Jahr nicht: Wir sind im optimalen Wachstumsmonat April unterwegs. Im Laufe unserer Fahrt, die von Besichtigungsstops bei alten und sehenswürdigen Moscheen oder Dichtergräbern garniert ist, verschlechtert sich das Wetter, und schließlich beginnt es in Strömen zu regnen. Noch trister als ohnehin sind jetzt die trostlosen Checkpoints an den Fernstraßen, und mit ihnen die Uniformierten, die nie ein Objektiv auf sich gerichtet sehen dürfen. Während der Regen rund um uns herunterprasselt und nasse Dromedare umherstreunen, zitiert unser afghanischer Dozent am Grabmal berühmter persischer Literaten weise Verse - auch anakreontisch anmutende Trinksprüche, die zu Zeiten eines strikten Alkoholverbots im Iran etwas Wehmut aufkommen lassen ...

Kleine Imbißstation am Straßenrand  Typisch für diese Landschaft: Schafherden und weite, karge Gegenden

Bizarre Erd- und Felsformationen säumen die Straße  Es geht ostwärts! - Auf oftmals abenteuerlichen Straßen in Richtung Mashad

 

Mashad

Nach einigen hundert Kilometern im Bus erreichen wir unser nächstes Ziel: Mashad, die Millionenstadt in Khorasan (Nordost-Iran), zugleich religiöses Zentrum des Landes, denn hier ist mit dem achten der insgesamt zwölf Imame im schiitischen Zweig des Islam der einzige auf iranischem Boden bestattet. Sein Grab ist zu einem gigantischen Heiligtum ausgebaut, in dem mehrere hunderttausend Menschen Platz haben dürften. Es herrscht hier der ganz normale Pilger-, Wallfahrts- und Reliquientrubel, wie man ihn auch aus dem Abendland kennt. Nichtmuslimen ist der Zutritt in den besonders heiligen Innenraum des Komplexes selbstverständlich strengstens verboten. Immerhin kommen wir in den Genuß eines Teppichmuseums, in dem sogar ein riesiger Wandteppich zu Ehren Kaiser Wilhelms II. (und vereinfacht gesagt: des Deutschtums an sich) ausgestellt ist. Geknüpft von iranischen Händen - und zwar in den 1970er Jahren! Phantastisch auch das Museum, in dem Goldmedaillen iranischer Paralympics-Teilnehmer gezeigt werden. Ironischer Hintergrund: Die Sportler sind Kriegsversehrte aus dem Iran-Irak-Krieg - und haben ihre Goldmedaillen im Schießen gewonnen ... Doch auch das ist noch bei weitem steigerungsfähig, wie sich in einem kleinen Koranmuseum zeigt: Vergegenwärtigen wir uns noch einmal, daß wir uns in der heiligsten Stadt eines radikalen islamischen Staates befinden; sozusagen im Herzstück des schiitischen Eiferertums. Da liegen sorgsam gesichert die jahrhundertalten, handschriftlichen Prachtausgaben des heiligsten aller Bücher im Islam, ja des Gotteswortes schlechthin, des Koran - und was lesen wir auf dem kleinen Schildchen, das vor jedem Exponat liegt? "The Holy Qur'an - 12. Century A.D." Für jeden, der jetzt noch nicht grinst, die Erklärung: A.D. bedeutet "anno Domini" - "im Jahr des Herrn". Der "Herr" ist natürlich kein anderer als Jesus Christus - eigentlich eine bodenlose Blasphemie im radikal-schiitischen Kontext von Mashad. Zum Vergleich stelle man sich eine Christusdarstellung in den Vatikanischen Museen vor, die offiziell auf das Jahr 1139 nach Mohammed datiert ist! Also wieder einmal ein wunderschöner Beleg dafür, wie sehr wir Menschen uns oft in einer Matrix aus Formeln, Abkürzungen und Chiffren bewegen, ohne die Hintergründe und "eigentlichen Bedeutungen" wahrzunehmen. Herrlich. Zum Schluß bekommen wir noch im angeblich schönsten Amphitheater der Welt (das einfach ein Konferenzsaal ist, mehr nicht) eine ziemlich mißlungene, "englische" Rede eines echten Mullahs zu hören - ja, der (Stereo-)Typ sieht, wenn man die altbekannten Klischees an dieser Stelle bemühen will, so richtig nach Al-Djazeera-Video und Atomwaffenprogramm aus: Kühler Zelotenblick, gepflegtes Äußeres, weiter Umhang, langer Bart und ein Turban, der ihn als Nachkomme von Mohammed ausweist.

Religionssemiotik hin oder her: Handfeste Tatsache ist, daß wir uns abends auf den Weg in ein Teehaus machen, um uns dort so richtig persisch verwöhnen zu lassen. Fleischeintopf, Tee, Trinkjoghurt, Süßigkeiten, Wasserpfeifen - das Ganze unterirdisch, dunkel und mystisch in einem komplett mit Teppichen ausgelegten Etablissement, man sitzt und ißt auf dem Boden ... da kommen echte orientalische Gefühle auf. Nach einigen Stunden sind unsere Bäuche voll, die Lungen gereizt, und der Geldbeutel um vier oder fünf Euro leichter.

Und noch viele andere Bilder bleiben uns in Erinnerung: Die bettelnden Straßenjungen, die zum Teil so aufdringlich werden, daß man handgreiflich werden muß; der Basar mit seinen hunderten vollgestopften und verlockenden Ständen, mit seinen Nüssen und Beeren, Safran und Paprika, leuchtend grünen kalligraphischen Bannern und auch einfach nur Schund. "Hello, Mester, come here, please, hello, very good, Mester!"

Am nächsten Morgen bricht ein kalter, wolkenloser Tag an. Frühling im Ostiran. Für uns wird es Zeit zum Aufbruch. Als wir Mashad verlassen, fällt die durch die erhöhte Religiosität und Strenge bedingte Grundanspannung dieser Stadt von uns ab, stattdessen steigt die leicht bange Vorfreude auf die Etappe, die nun auf uns wartet: Auf ins wilde Turkestan!

Persische Teehaus-Gemütlichkeit  Der mystische Zauber der Wasserpfeife ...

 Händler im Basar von Mashad  Berge von Safran und ihr stolzer Besitzer

Kalligraphische Banner und Flaggen mit religiösem Inhalt

 

Im einsamen Ostiran

Es geht nun immer weiter nach Osten, die Landschaft wird bald wieder wüstenhaft, und mächtige Gebirgszüge bauen sich entlang unserer Route auf. Man merkt, daß wir uns hier in der Peripherie eines selbst nicht zentralen Flächenstaates befinden; es ist ein einsames, scheinbar unendliches, aber irgendwie auch uraltes Land. Ein winziges Bergdorf zeugt mit seinem Namen noch vom Zoroastrismus, der vor dem Islam die Hauptreligion des Iran war: "Mozdurân", entstanden aus Ahurâ Mazdâ, dem Namen des zoroastrischen Schöpfergottes. Schafherden und schöne Felsformationen säumen die kurvenreiche Bergstraße, und bald öffnet sich das Land zu einer weiten, pastellfarbenen Ebenenlandschaft mit sanft gewellten Hügelkuppen und einer unbeschreiblich beruhigenden Atmosphäre. Das Braun und Grün der Erde harmonieren mit dem Blau des Himmels, und nach allen Richtungen verliert sich der Blick zum Horizont ihn, wird in die Weite gezogen. In dieser Landschaft zu stehen ist befreiend und erfrischend, und wir sind uns darüber einig, daß es wunderschön wäre, hier einfach loszuwandern, stunden- oder tagelang, schweigend, tief atmend. Doch zwei Objekte der Nähe fesseln unsere Aufmerksamkeit: Zu unseren Füßen am Boden ein großer, schwarzer Skarabäus, der eine Kotkugel rollt, und dann: Eine alte, prächtige Karawanserei, ein erdfarbenes Schloß inmitten dieser zentralasiatischen Niemandswelt. Unwirklich, zeitlos. Iranische Arbeiter mit ledrigen Gesichtern beäugen uns interessiert, als wir - eine fotografierende Fußkarawane der Moderne - das Gelände durchstreifen und dann widerwillig wieder den Bus besteigen. Man möchte so gerne noch verweilen, ganz zur Ruhe kommen und die stille Kraft der Mutter Erde in sich aufnehmen, die hier zu spüren ist. Doch unser dichtes Reiseprogramm läßt uns leider keine andere Wahl - kein singuläres Ereignis in diesen zwei Wochen. Wir passieren noch ein kleines Dorf aus Lehmbaracken, in dem kleine Kinder am Straßenrand stehen und winken, dann verlassen wir endgültig die letzten grünen Hochebenen des Iran und fahren hinab in ein völlig flaches, karges Wüstenbecken, wo die iranischen Erdgastürme lodern und rauchen, und wo sich allmählich ankündigt, daß hier eine andere Welt beginnt: Turkmenistan und die endlosen Weiten der Wüste Garagum ("Schwarzer Sand").

Unser "Wüstenschiff" im Ostiran   Die wunderschöne Karawanserei Rohbat Sharaf

Der bloße Aufenthalt in dieser Landschaft tut gut und wirkt beruhigend  

 

Grenzübertritt ins Nichts

Der Grenzübertritt vom Iran nach Turkmenistan ist mit Sicherheit einer der bizarren Höhepunkte unserer Reise. Während man bei der iranischen Ausreise einfach nur eine Stunde warten muß und von einem einzigen, maximal zwei Grenzbeamten abgefertigt wird, gerät man nur wenige hundert Meter weiter in eine lachhaft verworrene, typisch bürokratisch-exsowjetische Zollmaschinerie. Unser Bus ist zurückgeblieben; wir werden von einem Pendeljeep durch das Niemandsland zwischen Iran und Turkmenistan gefahren und sollen nach erfolgter Einreise einen neuen Bus zur Verfügung haben. Bei der ersten Paßkontrolle nach Turkmenistan hinein kündigt sich schon an, daß wir spätestens jetzt ein vergessenes Land, ich will nicht sagen eine Bananenrepublik, bereisen: Braungebrannte, schlitzäugige Grenzsoldaten wollen unsere Pässe sehen; echte turkmenische Jungs, aber auch eindeutig russische mit ganz weißer Haut und ungesund glasigen Augen, sicher noch unter 20 Jahre alt, und mit anachronistischen, beigen Uniformen, wie man sie aus Kolonialismus-Filmen kennt, die in der afrikanischen Savanne des 19. Jahrhunderts spielen. Dann der Höhepunkt: Die offizielle Einreisestation, eine kleine, enge Baracke, in der sich knapp zwei Dutzend Uniformierte, ein paar Lastenträger und unsere Reisegruppe drängen. Als erstes muß jeder ins Vogelgrippebüro, wo er danach gefragt wird, ob er "okay" sei, das heißt, ob er vielleicht die Vogelgrippe oder anderweitige Pandemien einzuschleppen gedenkt. Man tut nichts anderes, als seinen Namen zu nennen (der dann in völlig falscher Schreibweise in eine vergilbte Kladde eingetragen wird) und "okay" zu sagen - dann darf man wieder gehen. Kommunikation ist ohnehin fast nicht möglich, weil hier niemand Englisch, geschweige denn Deutsch spricht. Während die Lastenträger in der Zwischenzeit alle möglichen Kisten, Ballen und Pakete in den Einreiseraum stapeln und das Platzproblem damit noch verschärfen, ist jeder von uns damit beschäftigt, den komplizierten bürokratischen Hindernislauf zu meistern, der ihn noch von der Einreise trennt: Paß herzeigen, Formular ausfüllen, an einem Schalter zehn Dollar zahlen, Quittung erhalten, damit zu einem anderen Schalter, Unterschrift leisten, ein weiteres Formular erhalten, Gepäckstücke röntgen lassen, nochmals woanders den Paß herzeigen, Formular herzeigen, Stempel erhalten usw. Es ist tatsächlich wie die berühmte Suche nach dem Passierschein A 38 im Film "Asterix erobert Rom". Zum Schluß muß man ein sitzendes Spalier von ca. acht, hauptsächlich weiblichen Uniformierten passieren, die alle noch irgendetwas wollen - etwa zum 17. Mal den Reisepaß oder irgendein völlig sinnfreies Formular, das man irgendwann vorher erhalten hat. Groteske Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen auf niedrigstem Niveau. Die armen Teufel erleben hier, in the middle of nowhere, freilich nur alle Jubeljahre einen westlichen Touristen - und jetzt gleich eine ganze Gruppe von 20 Personen! Da läßt sich jeder natürlich extra viel Zeit und kostet das bißchen Macht aus, das ihm und seiner Uniform durch unser Erscheinen kurzfristig zuteil wird. Stunden sind vergangen, als wir endlich vollzählig jenseits der Zollbaracke stehen; unser Bus nebst turkmenischer Reisebegleiterin ist auch schon da. Mich plagt die Angst, daß meine Diafilme beim Röntgen Schaden genommen haben, und dieses Gefühl der Ungewißheit bereitet mich perfekt auf dieses Land vor, in dem Ausgeliefertsein, Machtlosigkeit und Leere prägende Elemente sind. Von erhöhtem Interesse für unsere Reisegruppe - und das kommt jetzt langsam ins Bewußtsein - ist natürlich die Tatsache, daß ab jetzt der Alkohol erlaubt ist, die Kopftücher für die Frauen hingegen nicht mehr obligat sind. Wir setzen schließlich unsere Reise fort, und auch wenn wir es nicht glauben können, daß es in dieser völlig flachen, buschbewachsenen Unendlichkeit so etwas wie Zivilisation geben soll, ist eine Stadt das Ziel unseres heutigen Tages.   

 

Mary und die Wüste

Auf den unvorstellbar schlechten Straßen kommen wir nur langsam voran und haben daher die Gelegenheit, die Landschaft genau zu beobachten: Einförmigkeit bis zum Horizont, jetzt im April immerhin mehr Wiesenlandschaft denn Wüste; Dörfer gibt es quasi keine, auch ansonsten ist von Infrastruktur, Besiedlung oder irgendeiner Form von Technik fast nichts zu sehen. Ab und zu begegnen wir turkmenischen Bauern am Straßenrand, die mit ihrem Wohnen und Werkeln dafür sorgen, daß dieses Land nicht gänzlich leer bleibt. Die Checkpoints, die wir immer wieder passieren müssen, stellen beinahe schon die größte Aufregung dar, denn man kann sich nie sicher sein: Geht es ohne Verzögerung weiter? Gegen Abend erreichen wir dann schließlich Mary, die einzige Stadt im Umkreis von mehreren hundert Kilometern, und machen die Bekanntschaft mit dem immer gleichen Propagandabildnis des turkmenischen Präsidenten, das uns von nahezu allen öffentlichen Gebäuden entgegengrinst; es ist das idealisierende Konterfei eines Diktators auf Lebenszeit, der seit der Unabhängigkeit des Landes 1991 die Zügel fest in der Hand hält und Turkmenistan nach und nach in ein bizarres Steinzeit- Präsidialregime verwandelt hat: Die Monate sind nach seinen Familienangehörigen benannt, alle Krankenhäuser außer die der Hauptstadt geschlossen, und angeblich sind lange Haare für Männer sowie öffentliches Rauchen und abendlicher Ausgang nach 21 Uhr generell verboten. Darüber hinaus hat unser lieber "Führer aller Turkmenen" fünf Bücher geschrieben, die ihm angeblich von Allah höchstselbst eingegeben wurden und die man inhaltlich gut beherrschen sollte, will man in Turkmenistan gesellschaftliches Ansehen oder eine Gehaltserhöhung erreichen. Wer das Hauptwerk gar drei Mal liest, darf sich eines Platzes im Paradies sicher sein. Und zu guter Letzt hat der Präsident offiziell das "goldene Zeitalter" für Turkmenistan ausgerufen. Ob das seine Untertanen auch alle so empfinden? Gut, daß dieser Despot nur über knapp fünf Millionen Einwohner und eine große Wüste verfügt - so kann er überregional wohl nicht allzu gefährlich werden. Allerdings ist Turkmenistan reich an Bodenschätzen und kann beispielsweise am Erdgashahn drehen, um Macht auszuüben ...

Wir stellen jedenfalls in Mary fest, daß wir uns nun nicht mehr in einem uralten, gewachsenen Staat mit "funktionierender" Kultur wie dem Iran befinden (wobei wir hier natürlich die Schattenseiten der islamischen Republik subtrahieren müssen), sondern in einem Sowjet-Altlastenstaat mit Schreibtischgrenzen, in dem es nach polizeilicher Willkür, Tristesse, Alkoholismus und Atheismus riecht. Ein paar Teilnehmer unserer Gruppe bekommen denn auch ernsthafte Schwierigkeiten und werden über eine Stunde von der Polizei festgehalten - angeblich für das Delikt des abendlichen Spazierengehens inklusive (mäßigem) Alkoholkonsum. Die turkmenischen Mädchen in ihren bunten, lebensfrohen Kleidern, die für unsere fotografische Dokumentationsarbeit am nächsten Morgen auf dem Hauptplatz von Mary posieren und in die Sonne lächeln, geben uns zwar auch einen Eindruck von der Heiterkeit, die im Grunde die Herzen dieses alten Nomadenvolks erfüllt, aber dennoch mag sich keine wirklich anheimelnde Stimmung einstellen.

An fast allen wichtigen Gebäuden zu sehen: Das Propagandabild des Präsidenten  Turkmenische Mädchen

Eine kleine Zeitreise bringt uns in die antike Stadt Merw, einen Ruinenkomplex in der Nähe von Mary. Merw war jahrhundertelang ein wichtiger und durchaus auch glanzvoller Stützpunkt auf der Seidenstraße, wovon noch diverse Bauwerke und Gebäudereste zeugen. Auch hier sind es weniger die konkreten Namen und Zahlen, die bei der Besichtigung einer alten Burganlage meine Aufmerksamkeit fesseln; vielmehr genieße ich es, meinen Blick von der für hiesige Verhältnisse wolkenkratzerhaften Erhebung eines etwa 20 Meter hohen Mauerrests in die Ferne schweifen zu lassen und mir vorzustellen, wie Mongolen, Perser, Russen und viele andere Völker im Laufe der Geschichte hier vorbeizogen, auf der Suche nach ... ja, wonach? Land, Gold, Frauen oder Macht? Auch wir brechen wieder auf und durchqueren auf einer über 200 Kilometer langen, meist schnurgeraden Straße das Kernstück der Garagum-Wüste. Je weiter wir vorankommen, umso mehr verschwindet die Vegetation; Weideland wird zur Steppe, Steppe zur Halbwüste, und plötzlich macht der Bus am Straßenrand halt, da sich zu beiden Seiten die ersten richtigen Sanddünen auftürmen. Welch unerwartetes und momentan kaum zu fassendes Erlebnis, einfach kurz aus dem Bus zu springen und mit den Hausschuhen an den Füßen eine Sanddüne zu erklimmen! Wunderschöne Formen zieren die wellenartigen Gebilde; feine Strukturen mäandern schlanke Sandgrate hinauf, um sich woanders wieder hinunterzuschmiegen - bis zum nächsten Windstoß, der sie auslöscht und sofort wieder neue Muster erschafft. Gleich nebenan stehen zwei Dromedare, die an ein paar trockenen Sträuchern herumkauen, und wieder wird Natur ganz spontan faßbar, denn die Tiere erlauben, daß wir uns bis auf Berührungsreichweite nähern, und bummeln dann unbeeindruckt weiter. Auch wenn wir die Wüste nur in dieser kurzen, völlig risikofreien Form und dazu bei gemäßigten Temperaturen erleben - ich habe nun endlich eine konkrete Vorstellung von dieser so symbolträchtigen und biblischen Landschaftsform und versuche mir auszumalen, daß es in allen Richtungen am Horizont genauso aussieht wie hier. Nach Nordwesten hin sind es ja sogar gut tausend Kilometer leere Wüste, und dahinter hört man wohl irgendwann das salzige Rauschen des Kaspischen Meers ... Die Gedanken gehen auch wieder zurück in die Vergangenheit, genauer gesagt ins Jahr 1884, als russische Truppen diese Gegend durchstreiften und das Gebiet rund um das heutige Mary als letzten Teil ihres Imperiums eroberten. Welch eine Vorstellung: Bleiche Ostseegesichter, die sich im 19. Jahrhundert ins heiße Niemandsland der größten Landmasse des Planeten aufmachen und irgendwelche Turk-Emirate erobern ... unvorstellbar! Wer seine Augen offenhält, wird jedoch schnell wieder in die Gegenwart zurückgeholt, und zwar von den vielen Reifen- und Wrackteilen, die alle paar hundert Meter, und dies 200 Kilometer lang, am Straßenrand liegen. In Chardzhev erleben wir noch einmal echte turkmenische Wellblech-Urbanität und dürfen kurz darauf den Fluß Amu Darja, eine von zwei großen Lebensadern Zentralasiens, zu Fuß überqueren. Wenige Kilometer weiter erreichen wir die Grenze zu Usbekistan, und in einem mittlerweile fast vertrauten Procedere aus geradezu rührenden Bürokratismen, aber auch echter Freundlichkeit seitens uniformierter Bürschchen sagen wir diesem merkwürdigen Land Lebewohl.

Im alten Merw   Die Wüste!

Friedlicher Wüstenbewohner   Eine unerwartete Begegnung

 

Buchara

Wieder ist die Sonne schon untergegangen, als wir nach langer Busfahrt über sehr schlechte Straßen unser Tagesziel erreichen: Buchara, das 2500 Jahre alte Juwel an der Seidenstraße, einst Hauptstadt eines persischen Reiches und Heimat des berühmten Avicenna (Ibn Sina), heute Weltkulturerbe mit einer unglaublich dichten, gemütlichen Altstadt voller atemberaubender Bauwerke. Als wir unter dem Sternenhimmel aus dem Bus aussteigen und die Atmosphäre dieser Stadt einatmen, ist gleich klar, daß sich seit dem Iran und Turkmenistan wieder einiges verändert hat: Es scheint hier weder polizeilichen noch religiösen Streß zu geben, uns weht ein (im Gegensatz zu Mary) wieder echt orientalisches Flair entgegen, und die bloße Bausubstanz des Stadtkerns weckt in uns Begeisterung. Kurz: Der erste Eindruck hier ist sehr positiv, was sich dann auch beim ausgedehnten Stadtrundgang am nächsten Tag bestätigt. Die Sonne brennt von einem wolkenlosen Himmel herab, und es ist Zeit für die ersten richtigen Hautrötungen der Saison. Kaum vorstellbar, daß hier gerade der milde usbekische Frühling herrscht - im Sommer werden in der Wüstenstadt Buchara durchaus 50 Grad im Schatten erreicht! Bei diesen widrigen Bedingungen und der weltfernen Lage der Stadt sind natürlich all die architektonischen Perlen, die diesem Örtchen jahrhunderte- überdauernde Größe verleihen, umso erstaunlicher und erfreulicher. Doch darf auch die Kehrseite eines solchen Reichtums nicht verschwiegen werden: Buchara ist auf unserer Reise der erste wirklich vom westlichen Tourismus erfaßte und geprägte Ort, und dementsprechend geldgierig und trickreich sind all die Händler, Feilscher und Bettler, die synchron mit den Touristen als stiefelleckende Kletten durch Bucharas Gassen wabern. Und selbstverständlich besteht die Stadt nicht nur aus ihrem sehenswerten Zentrum, sondern auch aus peripheren, für den Touristen unsichtbaren Wellblechsiedlungen, wo die Armut herrscht - denn sonst wäre Buchara keine Stadt, sondern ein Museum. Als wir abends in einem Restaurant mit Bauchtanzvorführung sitzen, wird auch dem letzten klar, daß wir uns jetzt nicht mehr im turkmenischen Niemandsland befinden: Aus den Lautsprechern tönt griechischer und arabischer Seichtpop, vom Nebentisch dagegen österreichische Wortfetzen. Einen nicht nur versöhnlichen, sondern sogar begeisternden Abschluß findet der Tag schließlich im Hamam: Ganzkörperverwöhnung auf die orientalische Art, bestehend aus Liegen auf dem heißen Stein, Kalt- und Heißwasserkuren, tiefes Einatmen des Dampfes und zum Höhepunkt eine unvergeßliche Massage, die alles bisher Gekannte übertrifft: Man liegt flach auf dem Steinboden und wird mit gekonnten Griffen und Bewegungen so traktiert, daß man zwischenzeitlich wirkliche Angst bekommt, jedoch nichts Ernsthaftes erleidet, sondern im Gegenteil von allen Verspannungen befreit wird. Der Kopf wird ruckartig herumgerissen, bis es knackst, dann steigt der Masseur ganz auf einen drauf und geht ein bißchen auf dem Rücken herum, dann spannt er sich wieder wie beim Wrestling in die Beine ein und zwingt einen in die unwahrscheinlichsten Stretch-Positionen, bis man nur noch die Zähne fletscht und stoßweise keucht. Das Ganze findet in einem stilvollen, steinernen Katakombensystem statt, wobei jede Dampfbadkammer heißer ist als die vorherige; die Atmosphäre ist dunkel und beruhigend. Eine Wohltat für Körper und Geist.

Das Samanidenmausoleum, eines der wichtigsten islamischen Bauwerke überhaupt   Kinder wollen fotografiert werden und schreiben uns ihre Adresse auf, damit wir ihnen die Bilder schicken

Klare Formen, nackter Stein und ein wolkenloser Himmel: Buchara    ... und ein bayerischer Tourist ...

Kleines Mädchen auf der Straße  Islamische Kalligraphie

 

Samarkand

Leider endet unsere Zeit in Buchara viel zu schnell; wieder heißt es packen und aufbrechen. Auf der Fahrt nehmen wir wie gewohnt noch einige Sehenswürdigkeiten mit, wie z.B. ein Sufi-Kloster (Sufismus = islamische Mystik) oder die alte Sommerresidenz des Emirs von Buchara - man lasse hier wieder die Phantasie walten und stelle sich einen orientalischen Despoten vor, der im 19. Jahrhundert irgendwo in der Halbwüste Zentralasiens sitzt, sich einen kleinen Palast mit pseudofranzösischer Kitsch- Innenausstattung errichten läßt und sich im Hof Pfaue hält! Durch den desaströsen Zustand der Straßen wird auch heute wieder eine Strecke von wenigen hundert Kilometern zu einer vielstündigen Expedition, die ich wechselweise schlafend, schafkopfend oder mit usbekischer Musik im Ohr aus dem Fenster schauend verbringe. Wir verlassen die Wüste, fahren duch fruchtbare, richtig grüne Landschaften und erleben passend dazu ein kleines Gewitter. Abends ist dann auch diese Fahrt pannenfrei geschafft, und wir beziehen im vermutlich höchsten Bauwerk Samarkands, unserem Hotel, Quartier. Wie so oft ist auch dieses Mal der allererste Eindruck sehr aufschlußreich für den Grundcharakter der Stadt: Obwohl ein uraltes überregionales Zentrum (3400 Jahre alt, sogar Alexander der Große gelangte bis hierher, Hauptstadt mehrerer Reiche), ist Samarkand heute eine recht sowjetisch anmutende Stadt, denn die gigantischen Boulevards, Parkanlagen und Freiflächen sprechen einfach eine eigene Sprache und sind das Gegenteil dessen, was eine orientalische Stadt ausmacht. Dennoch darf man sich bei aller russischen Melancholie nicht darüber hinwegtäuschen, daß Samarkand viel Sehenswertes zu bieten hat. Und so bleiben wir denn auch ganze vier Tage hier, besichtigen die Universität, gehen mit den Deutsch-Studentinnen in einen kleinen Biergarten, besuchen das Grabmal des usbekischen National-Cäsars Timur Leng ("Tamerlan", 14./15. Jhd., berühmt-berüchtigt durch seine unvorstellbare Grausamkeit), die Nekropolis Schahe Zende, die antike Ruinenstadt Afrasiab, die gewaltige Bibi-Chanum-Moschee und den einzigartigen Registan-Platz, wo ich gegen eine kleine Aufmerksamkeit dem Uniformierten gegenüber auf die Spitze eines Minaretts steigen darf und die ganze Stadt von oben überblicke. Und als Kontrast zu den monumentalen, religiösen Prachtbauten wartet hier auch endlich wieder ein richtiger Basar auf uns: Ein geschäftiges Treiben und Durcheinander in verschiedenen Hallen und Höfen; Nüsse, Trockenfrüchte, Gewürze, Gemüse, Obst, feilschende Händler, schwangere Bettlerinnen, verwirrende Düfte, verlockende Preise, kurz: Das pulsierende Leben! Unvergeßlich auch der usbekische Junge, der plötzlich grinsend vor mir steht und den einzigen Brocken Deutsch, den er kann, deklamiert: "Rammstein! Du hast! Du haßt mich!" Bevor ich antworten oder anderweitig reagieren kann, ist einer von uns beiden schon wieder im Gewühl des Basars verschwunden.

Ein abendlicher Spaziergang führt mich schließlich mit zwei Kommilitonen ins jüdische Viertel Samarkands und damit aus der sowjetischen wie auch touristischen Welt hinaus. Ein Kleinwarenhändler, bei dem wir einkaufen, rechnet noch mit dem Abakus, und sofort drängt sich eine Handvoll Usbeken im Eingang des kleinen Ladens, um die drei Herren aus dem Westen zu bestaunen. Hier beim Einkaufen, wie auch in vielen anderen Situationen, zeigt sich ein bemerkenswertes Phänomen, das Usbekistan so eigen ist: Die Vielsprachigkeit. Neben der offiziellen Sprache Usbekisch wird auch Russisch gesprochen; weite Bevölkerungsteile haben jedoch Tadschikisch, eine Form des Persischen, als Muttersprache. Amüsant ist dabei, daß man oft nicht weiß, welcher ethnischen Gruppe das Gegenüber angehört und in welcher Sprache man sprechen soll. Wenn wir auf der Straße einen Usbeken nach dem Weg fragen, kommt es durchaus vor, daß es einer von uns auf Türkisch versucht (was dem Usbekischen ähnelt), ein anderer auf Persisch, ein Dritter auf Englisch oder mit ein paar Brocken Russisch - und daß dann immer noch nicht klar ist, ob die Kommunikation nun funktioniert hat. Meist kommt mit Gesten und unterschiedlichsten Sprachfetzen eine Art Verständigung zustande. Wir werden jedenfalls aus dem polyglotten Wirrwarr nicht schlau und vermuten, daß es hier auch Leute gibt, die überhaupt keine der genannten Sprachen oder eine Art Zentralasien-Esperanto aus allen sprechen, doch dies herauszufinden würde sicher eine eigene wissenschaftliche Forschungsreise erfordern.

Getrübt werden all die bunten Eindrücke Samarkands leider durch verschiedene Faktoren, die zwar unerfreulich sind, aber vielleicht zur Vollständigkeit und Echtheit des Bildes, das wir uns da in zwei Wochen Reise erarbeiten, nötig sind: Ein Masseur im Hamam, der mir so auf die Kniescheibe schlägt, daß ich auch Wochen danach noch mit Schmerzen zu kämpfen habe; zwischenmenschliche Spannungen innerhalb unserer Reisegruppe - wohl bedingt durch die große psychische und auch physische Belastung, ohne Ruhetag drei Länder dieses Kalibers zu bereisen; schließlich auch hier wieder die Aufdringlichkeit und Speichelleckerei der Händler.

Unsere Reise geht allmählich ihrem Ende entgegen. Und niemand merkt, daß Ostersonntag ist.

Usbekische Frauen sind meist bunt und auffällig gekleidet   Samarkands Juwel: Der Registan-Platz

Nahaufnahme   Blick von der Spitze des Minaretts

Eine seltene, weil prinzipiell im Islam verbotene Darstellung von Tieren   Eine der drei Medressen, die den Registan-Platz bilden

Markante usbekische Gesichter   Feilschende Gewürzhändler auf dem Samarkander Basar

 

Taschkent

Das Ende - man verzeihe mir die Dramatik - kommt kurz und schmerzlos. Nach einer weiteren sehr heißen und anstrengenden Busfahrt und der Überquerung der zweiten Lebensader Zentralasiens, des Flusses Syrdarja, erreichen wir schließlich den offiziellen Zielpunkt unserer Reise: Taschkent. Die Hauptstadt Usbekistans - und zu Sowjetzeiten der ganzen Großregion - ist mit Abstand die modernste und westlichste Stadt auf der Seidenstraße und erinnert einmal mehr stark an das, was man im allgemeinen mit russischer Städteplanung assoziiert: Viel Grün, lotrechte Schachbrettstruktur, riesige Flächen, keine orientalische Enge und bis zu zwölfspurige Boulevards ohne Verkehr. Straßen und Wohnblöcke sind hier tatsächlich dermaßen überdimensioniert, daß Witze darüber gemacht werden: "Wie komme ich bitte nach X?" - "Einfach geradeaus und die zweite links!" Woraufhin der Fragesteller losgeht und nie ankommt, denn bis zur "zweiten links" sind es viele Kilometer. Zu Fuß ist man hier also ziemlich verloren - aber dafür gibt es ja die U-Bahn, die als Sehenswürdigkeit zählt und mit der wir deshalb einfach ein bißchen herumfahren und mehrmals aussteigen, um die unterirdischen Bahnhöfe zu sehen.

Nach "Erledigung" einiger mehr oder weniger sehenswerter Objekte und dem Besuch des auch hier gigantischen und bunt-fröhlichen Basars endet das offizielle Programm, und unsere Gruppe teilt sich auf, um an verschiedenen Orten das Ende der Reise zu begießen. Studenten wie Dozenten bechern fröhlich usbekischen Wodka - und geraten rechtzeitig zur Heimreise in eine versöhnliche Stimmung. Spätestens jetzt wird jedem klar, wie einzigartig und wahrscheinlich unwiederholbar das Erlebte war, und immer wieder holt man gerne die Asienkarte heraus, um die lange Strecke von Teheran bis Taschkent noch einmal nachzuvollziehen. Die Bilder werden wieder wach, und es kristallisieren sich Grundstrukturen der letzten zwei Wochen heraus: Während wir im ersten Teil unserer Reise immer tiefer in unbekanntes Land und in die Einsamkeit vorgedrungen waren - von Teheran über Mashad hinein nach Turkmenistan -, näherten wir uns dann im zweiten Teil aus der Wüste heraus über Buchara und Samarkand wieder schrittweise der Urbanität, der Modernität und dem Westen an. So ist Taschkent - obwohl der östlichste Punkt unserer Reise - tatsächlich zugleich auch der "westlichste".

Während die einen die letzte Nacht im Freien verbringen, die anderen ihren betrunkenen Körper mit nur einer einzigen Stunde Schlaf quälen und wieder andere an echtem usbekischem Durchfall laborieren, klingeln schon die ersten Wecker: Es ist soweit. Kurz nach Sonnenaufgang sind wir bereits über den Wolken und düsen all die mühsam erfahrenen Kilometer in unerhörter Geschwindigkeit und scheinbar schwerelos wieder zurück.

Auf dem Weg von Samarkand nach Taschkent  Händler auf dem Taschkenter Basar

Gemüse geht über den Ladentisch  Kartoffelhändler warten auf Kundschaft

Wie ausdrucksstark: Frisches Gemüse und zwei menschliche Hände

 

Epilog

Iran, Turkmenistan, Usbekistan - das waren drei sehr unterschiedliche und aufregende Kapitel einer Reise in den nicht-arabischen Orient, und so vieles, was uns dort in zwei Wochen begegnete, bleibt in Form von unauslöschlichen Eindrücken in uns lebendig: Der Iran mit seiner vergnügten, quirligen persischen Volkskultur, aber auch der staatlichen Strenge; die turkmenische Wüste, die in alle Richtungen und in die Ferne verweist, in ein leeres, karges Land hinter dem Horizont, wo ein menschliches Lächeln und ein buntes Kleid auffälliger sind als anderswo; die usbekischen Stätten schließlich mit ihrem Völkergemisch, in dem sich das heiße, chaotische, islamische Element des Orients mit der strengen Weite kontinentaler Ebenen und den Farben und Klängen all dessen vereint, was allem Russischen innewohnt. Der Taschkenter Basar schließlich mag zwar noch durchaus als orientalisch gelten - aber er kann doch mit seiner ganzen Billigstkleidung, den Stoffen und dem Plastikkitsch die räumliche Nähe des kulturellen wie wirtschaftlichen Giganten China nicht verbergen. Neue Welten, andere Welten, eine neben der anderen ...

Während die anderen nach München zurückfliegen, füge ich meiner persönlichen Geschichte noch ein viertes Kapitel hinzu: Ein Woche Griechenland - das heißt Frühling, Meer und Osterlämmer ... Und dann schließt sich auch für mich der Kreis: Während ich am zweiten Tag der Reise auf einem hohen iranischen Berg stand und auf das riesige Teheran hinabblickte, stehe ich jetzt auf einem heiteren Berg am Rande Athens, ganz allein mit Wind und Sonne, und habe wieder eine weite Stadtfläche zu Füßen. Wenn ich mich ein wenig von den gedanklichen Fesseln des Augenblicks löse, kann ich in mir vieles noch einmal zum Leben erwecken: Düfte, Bilder, Gefühle, Sprachen, Landschaften - am Meer oder in der Wüste, in der Großstadt oder draußen in der Welt der Nomaden.

Ich schaue mir die unzähligen Dächer an, wie sie in der Sonne blitzen und denke mir: So viele Menschen, so viele Gesichter - ja, so viel Leben ...

Usbekischer Kartoffelhändler

 

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