Rund um den Tegernsee

Nach welcher Tagestour hat man deutlich mehr Höhenmeter in den Beinen als einer, der vom Everest-Basislager auf den höchsten Gipfel der Welt hinauf und wieder heruntersteigt? Welchen pH-Wert haben Socken nach 72 Kilometern Marsch? Warum kann es glücklich machen, im Kreis zu laufen? Und was hat all das mit unseren lieblichen, beschaulichen Tegernseebergen zu tun?  

3.46 Uhr nachts, Nieselregen. Menschenleer sind die Straßen in Gmund, wo für mich eine ungewöhnliche Wanderung beginnt. Ist es möglich, den Tegernsee an einem Tag zu umrunden und dabei alle wichtigen Gipfel zu besteigen? Eine Antwort auf diese Frage erhält nur, wer sich von den bloßen Zahlen nicht beeindrucken läßt und einfach loswandert. Mein Tipp: Gehen und genießen, und bloß nicht zuviel nachdenken! Dunkel sind die ersten Kilometer im Tal, alles schläft, nur der Wind bewegt sich: Ein düsterer Auftakt. Dann die herbeigesehnten ersten Höhenmeter; auf breiten Waldwegen geht es hinauf nach Neureuth und über einen welligen Höhenweg in Richtung Morgendämmerung, wo das erste Gipfelkreuz der Tour wartet. Die Nacht neigt sich ihrem Ende zu, und nach einem kurzen Schlußaufstieg ist der höchste Punkt der Gindelalmschneid erreicht. Noch kommen keine großen alpinistischen Gefühle auf, die Berge hier am Alpenrand sind flach, waldig und harmlos. Aber umso wertvoller ist der letzte freie Blick hinaus ins Alpenvorland, bevor es weiter hineingeht ins Gebirge, und höher hinauf. Die vielbegangenen Wege, auf denen man sich an schönen Wochenenden selten einsam fühlt, sind heute merkwürdig still und wirken im wolkenverhangenen Halbdunkel des anbrechenden Tages fast geheimnisvoll.

Schon geht es weiter zur Baumgartenschneid, dem zweiten Gipfelziel des Tages: Wiederum eine sanfte, unspektakuläre Kuppe, wo der Bergwald einem vollständigen Panorama im Wege steht - doch der Blick hinab zum See ist traumhaft und allein schon eine Halbtagestour wert. Wer es noch nicht weiß, welche Faszination ein See ausüben kann, wenn man von oben auf ihn draufschaut, der muß einmal hierher kommen. Es wäre jetzt schön, sich hinzusetzen und den Morgen zu genießen, aber der Zeitplan drängt: Noch ist erst ein kleines Stück des weiten Wegs zurückgelegt.

Ein kurzer Abstieg führt hinab in ein kompliziertes Fahrstraßenlabyrinth, das sich einige Waldkilometer später in eine idyllische Almlandschaft verwandelt und mit dem Bodenschneidhaus eine erste Verpflegungsstation aufweist. Gleich danach wartet der nächste Aufstieg, und endlich wird es alpin: Schmal und holprig windet sich der Pfad nach oben, führt mich durch die Steilflanke und gibt mich plötzlich auf dem Gipfel der Bodenschneid frei:

Freie Rundumsicht, Sonnenschein, ein einsamer Gamsbock - da hat sich doch die gefürchtete Marathontour spontan zur Genußwanderung gemausert! Nach dem finsteren Hügelprolog ist so ein sonniger, heiterer Berg Balsam für die Motivation, und beim Abstieg gefallen mir die Almhütten mit ihren rauchenden Kaminen und den faulen Wiederkäuern in der Wiese so sehr, daß meine Knie und ich ganz schnell vergessen, wieviele Höhenmeter es hinab ins Tal sind.

Ein gänzlich anderes Kapitel beginnt unten im Rottachtal, wo die Bodenschneid noch in frischer Erinnerung ist, aber gleich neue Eindrücke sich aufdrängen: Es geht auf der anderen Talseite sofort wieder bergauf, denn mit Wallberg und Setzberg warten die zentralen und höchsten Gipfel der Tegernseeumrundung - die Königsetappe, wenn man so will.

Etwas eintönig und wenig spannend ist die Asphaltstraße hinauf zur Portnersalm, aber kurz darauf ist auch schon der Sattel zwischen Wallberg und Setzberg erreicht. Ich traue meinen Augen kaum: Menschen! Nach siebeneinhalb Stunden Einsamkeit begegne ich hier zum ersten Mal anderen Wanderern und beobachte amüsiert den einen oder anderen Ausflügler beim Kühefilmen. Klar, die nahegelegende Wallbergbahn pumpt an sonnigen Tagen die Touristenmassen nach oben und ermöglicht Bergerlebnisse in der Light-Version, was prompt von Hunderten ausgenützt wird. Dementsprechend zügig bringe ich den Wallberg hinter mich und bin froh, dem geschäftigen Treiben im Gipfelbereich wieder entfliehen zu können. Nach diesem kleinen Pflichtabstecher zum höchsten Punkt nutze ich das Wallberghaus als dankbare Möglichkeit, der Dehydration vorzubeugen, doch ein schläfriges Sonnetanken auf der Bank vor der Hütte muß ich mir heute einfach verkneifen. Ohnehin drücken von Westen immer mehr dunkle Wolken heran und mahnen zum Aufbruch.

200 Höhenmeter später sitze ich auf dem Setzberg, der viel ruhiger und natürlicher wirkt als sein seilbahngeschädigter Nachbar, obwohl die Aussicht mindestens genauso reizvoll ist. Breit liegt einem Rottach-Egern zu Füßen, das Auge erfaßt die ganze Länge des Tegernsees, und weit hinten ist Gmund zu erahnen, der Start- und Zielpunkt der Umrundung. Immerhin: Die Hälfte der Tour ist geschafft. Wenn nur das Wetter hält! Über den attraktiven Alpenlehrpfad geht's zuerst nach Süden weiter, wo Risserkogel und Blankenstein herübergrüßen, und dann steil hinab in Richtung Weißbachtal. Noch machen die Gelenke widerspruchslos mit, und ich darf mich weiterhin auf einige Stunden Wandern freuen - doch da drängt sich unerwartet schnell ein Problem auf, das plötzlich alles in Frage stellt: Grau-braune Wolkenfronten und ein merkwürdig warmer Wind kündigen unmißverständlich ein Gewitter an. Tatsächlich, gerade als ich das Tal erreicht habe und die ersten Häuser von Kreuth passiere, fallen einzelne dicke Tropfen, und eine Minute später öffnen sich alle Schleusen des Himmels. Glück für mich, daß ich noch rechtzeitig in einer Telefonzelle Zuflucht finde und nicht ungeschützt auf dem Berg unterwegs bin!

Aber wie geht es jetzt weiter? Ist die Tour damit gelaufen? Oder verzieht sich das Gewitter gleich wieder?

Geduld zahlt sich heute glücklicherweise aus; schon nach einer halben Stunde ist der Spuk vorüber. Frisch gestärkt und mit neuer Zuversicht verlasse ich meine gelbe Schutzkabine und nehme den Weg hinauf zum Hirschberg in Angriff. Tiefe Rinnen haben die Wassermassen in den Boden gefressen, hier und da liegen sogar noch Häufchen von Hagelkörnern am Wegrand. Die Wälder dampfen, bald scheint sogar wieder die Sonne. Der Aufstieg ist abwechslungsreich, und je höher ich komme, umso mehr steigt die Vorfreude auf den altbekannten und immer wieder schönen Gipfelbereich des Hirschbergs. Oben bei der Baumgrenze wartet jedoch schon die nächste Ernüchterung: Es donnert wieder! Das darf doch nicht wahr sein - ein Blitz ist so ziemlich das letzte, was ich auf dem Berg brauchen kann. Doch wieder habe ich Glück: Ein kleines Schönwetterfenster tut sich für ein paar Minuten auf, und im Laufschritt stibitze ich dem Gewitter schnell den Gipfel weg und flüchte zum Hirschberghaus hinab. Wiederum ist es schade, nicht länger dort oben verweilen zu können, wo die Grasmatten zu einem Nickerchen einladen, aber mittlerweile ist es eben nicht mehr nur mein Zeitplan, der etwas dagegen hat, sondern auch das Wetter. Schon wenig später ist der Himmel wieder ganz schwarz, und die Wolkenhaufen liefern sich direkt über mir einen donnernden Schlagabtausch - aber ich bin schon längst in tieferen Lagen und nähere mich dem Bauer in der Au. Von hier wäre es nur ein kurzes Stück hinunter zum Tegernsee, wo warme Wirtshäuser und andere Annehmlichkeiten warten, aber jetzt, wo nur noch ein einziger Gipfel fehlt, denke ich gar nicht daran, die Tour abzubrechen. Zugegebenermaßen: Das nun folgende Wegstück, das mich bei strömendem Regen kilometerlang in die entgegengesetzte Richtung durchs Söllbachtal führt, ist hart und läßt den inneren Schweinehund erstmals so richtig aufheulen. Aber wieder machen sich Beharrlichkeit und Geduld ausbezahlt, denn wenig später scheint erneut die Sonne - was für ein Aprilwetter! Bleibe ich jetzt endlich von Gewittern verschont? Es ist doch nur noch ein einziges Gipfelchen; danach kann von mir aus die Welt untergehen!

Weit fortgeschritten ist der Nachmittag mittlerweile, und auf der nassen, üppigen Vegetation glitzern die späten Sonnenstrahlen. Schön ist der Weg hinauf zum Hirschtalsattel, kein Mensch ist unterwegs, und trotz aller Verschleißerscheinungen ist das Gehen in dieser abgelegenen Landschaft ein Genuß. Es wird immer mehr zur Gewißheit, daß das Wetter vorerst noch hält, und ich kann unbehelligt und mit einem Lächeln der Vorfreude den letzten Gipfelaufstieg anpacken. Und dann ist es soweit: Vom höchsten Punkt des Fockensteins zieht der Blick weite Kreise, und im trüben Licht der Abendsonne sieht es so aus, als stünden all die anderen Gipfel rund um den Tegernsee still und ernst da, fast feierlich, und ich kann mir beinahe nicht vorstellen, wie es heute morgen dort hinten war, auf der anderen Seite des Sees, als der Himmel blau und der Tag noch jung war ...

Schnell holt mich jedoch die Realität wieder ein, als ich begreife, daß bis Gmund noch 14 recht prosaische Kilometer auf mich warten: Nach dem kurzweiligen Anfangsstück bis zur Aueralm sind es nämlich nur noch Straßen, die mir bei Dunkelheit und wieder einmal stundenlangem, strömendem Regen für den Rest des Tages den Weg weisen. Noch einmal heißt es auf die Zähne beißen, wenn der bis auf die Haut durchnäßte Körper im nächtlichen Wind friert und wohl oder übel ein schmerzender Schritt nach dem anderen getan werden muß - zwar mit einem Ziel vor Augen, aber dennoch irgendwie endlos ... Doch dann kommt er endlich, der herbeigesehnte Augenblick, und von einer Sekunde auf die andere stehe ich wieder am Ausgangspunkt der Tour. Nach 19 Stunden und neun Minuten hat sich der Kreis geschlossen, und als ich wieder nach Hause fahre, trage ich einen reichen Schatz an erlebten Bildern in mir. Der Tegernsee bleibt in dunkler Stille zurück, die Gipfel schweigen, und alles ist wieder so wie in der Nacht zuvor ...

 

(Diese Geschichte wurde in der Ausgabe 11/05 des Magazins "Bergsteiger" als Titelgeschichte veröffentlicht.)

 

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