Sonnenuntergang auf dem Olymp 

Der Olymp - ein Berg, ein Name, ein Mythos. Der berühmteste Berg der Welt? Ein Haufen aus Stein. Sitz der Götter? Staub und Schutt, dem Zahn der Zeit ausgeliefert, brüchig, vergänglich. Jedenfalls ein Berg, dem zweifellos sein Bekanntheitsgrad vorauseilt und an dem man als Bergsteiger nicht ohne weiteres vorbeikommt. Auch für mich als häufigem Griechenlandbesucher wird er irgendwann zur Pflicht, aber es ist eine Pflicht, die ich gerne auf mich nehme. Ohne Vorkenntnisse und ohne Karte reise ich an einem heißen Sommertag - das Thermometer zeigt etwa 36 Grad - mit dem Bus an; alleine, müde und voller Ehrfurcht vor dem großen, unbekannten Berg. In Litochoro, dem Dorf, das sich am engsten an das gewaltige Felsmassiv schmiegt, steige ich abends aus und wandere in spannender Ungewißheit und mit schwerem Rückengepäck los. In eine lange, tiefe Schlucht hinein führt mich der Weg, auf und ab, an steilen Felswänden entlang und über tosende Wassermassen hinweg. Drei Stunden geht es so, dann wird es Nacht. Dunkelheit legt sich über die Welt, und ich bereite mich innerlich schon auf ein Biwak im Unterholz vor, halte Ausschau nach geeigneten Stellen. Plötzlich, nach einer Wegbiegung, eine alte Ruine in gespenstischem Mondlicht: Hohe, zerrissene Mauern, wie eine schwarze, bedrohliche Burg. Doch es ist ein Kloster, noch immer zerstört von namenlosen Weltkriegsbomben. Ein einzelner Mönch haust im renovierten Innenbereich und nimmt mich sofort in sein bescheidenes Heim auf. Wenige Minuten später stehen Speise und Trank vor mir auf dem Tisch, und auch ein Bett ist mir bereitet. Traum oder Wirklichkeit? Märchenhaft, doch wahr! Lange sitzen wir noch im Kerzenlicht unter dem Sternenhimmel und diskutieren über Gott. Und die Welt.

Am nächsten Morgen muß ich früh aufbrechen, denn noch weit ist der Weg hinauf auf den Berg der Götter; so früh, daß ich meinen Gastgeber nicht mehr zu Gesicht bekomme. Die Erinnerung an ihn bleibt mir untrennbar mit der griechischen Nacht und ihrer Dunkelheit verbunden. Viele Kilometer wollen erwandert werden, und über viele Höhenmeter steilt sich der Pfad auf, bis endlich die Schutzhütte "Spilios Agapitos" erreicht ist, noch immer weit unterhalb der Gipfelregion, aber doch schon hoch über dem Tal. Zeit, um sich auszuruhen und Kräfte für das Schlußstück zu sammeln. Schon bald treibt es mich jedoch weiter, ich bin innerlich unruhig und möchte mich so schnell wie möglich von der tagelangen Spannung befreien, die sich erst am Gipfel lösen wird. Es ist heiß, aber ich fühle mich stark, und die verbleibende Wegstrecke wird immer überschaubarer. Dann: Der Nebengipfel, Skolio heißt er, nur sechs Meter niedriger als Mytikas und damit zweithöchster Punkt des Olymp-Massivs. Es ist noch früh, ich kann mich ein oder zwei Stündchen dort oben in die Mittagssonne legen und rasten. Das tue ich auch, dann drängt es mich wieder zum Aufbruch. Über steile Felspassagen, die nie wirklich schwer sind, steigt man mit wachsender Begeisterung hinüber, quert eine Felsflanke, umgeht Grattürme und erklimmt einen letzten Aufschwung, schließlich ist es soweit: Ganz unspektakulär eigentlich, ganz "gewöhnlich" im ersten Moment, mit nichts als einer felsigen Kuppe und einer kleinen griechischen Flagge obendrauf, präsentiert sich nun der Gipfel des Mytikas. Erst wenn der Blick sich vom unmittelbaren Gestein unter den Füßen löst und in die Weite abdriftet, rücken sich die Dimensionen zurecht, und staunend begreift man die Großartigkeit des Ortes: Tief unten das Dorf Litochoro, dahinter das Meer, knapp drei Kilometer unter dem Betrachter. Weite Rundumsicht, unzählige Gebirgsketten und sanfte Hügelkuppen, die nach hinten hin immer unschärfer werden, bis sie im milchigen Licht des Horizonts ertrinken und für das Auge unfaßbar werden, darüber Himmel, Himmel, nichts als Himmel .

Es ist immer noch früh am Nachmittag, aber ich will nicht schon jetzt wieder absteigen. Zu einzigartig ist dieser Gipfel, zu selten ein einsamer Aufenthalt an einem derart besonderen Punkt, um schon wieder loszulassen. Mehr muß es sein, mehr; es soll noch intensiver werden, noch innerlicher; noch tiefer möchte ich alles in mich aufnehmen und es bloß nie mehr hergeben, keine Minute davon, keinen Blick, keinen Lichtstrahl, keinen Windhauch! Und so bleibe ich einfach hier oben sitzen, stundenlang - schauend, staunend, atmend. Mal kommen für eine kurze Zeit andere Bergsteiger herauf, dann gehen sie wieder, ihre Stimmen werden bei jedem Schritt leiser, ihr Lachen verklingt, und dann bin ich wieder lange allein, lasse mir die Sonne ins Gesicht scheinen, meinen Blick über das Meer schweifen, alle Lasten von mir abfallen. Das Licht wird allmählich rötlicher, es kommt nun von der Seite, nicht mehr von oben, und schon wirft der Berg eine lange dunkle Schattenpyramide hinaus aufs Meer. Stünden Wolken am Himmel, so würden sie jetzt allmählich zu leuchten beginnen, aber der Himmel ist heute leer, er ist weit, er ist endlos .

Es wird Abend. Längst sind alle anderen abgestiegen, haben in den sicheren vier Wänden der Hütte Schutz gesucht und gefunden. Was mag ihnen jetzt durch den Kopf gehen, wenn sie an ihr Gipfelerlebnis zurückdenken? War es ein unheimlicher Ort für sie? Ein abweisender? Ein göttlicher? Haben sie sich unwohl gefühlt hier oben? Allein? Wie Sieger? Wie Besiegte? Wurden ihre Erwartungen erfüllt? Sind sie enttäuscht? Kehren sie erleichtert nach Hause zurück, im Wissen, ein langjähriges Ziel endlich erreicht zu haben? Tragen sie nun einen Zauber in sich, der sie nicht mehr losläßt und sie irgendwann an diesen Berg zurückholt?

Die Sonne sinkt. Wind fährt mir durch die Haare, goldenes Licht strahlt mich an. Welche Ehre! Und dann, überraschend schnell und unaufhaltsam, wird die gleißende Scheibe unförmig, verzerrt sich in atmosphärischen Flimmerzonen, verschmilzt mit dem Horizont, ist plötzlich ins Nichts entschwunden - und zurück bleibt eine immer noch leuchtende Welt, eine traumartige Gebirgslandschaft, die Spielwiese eines Riesen aus Stein, glänzend, schimmernd - nur ihr Mittelpunkt fehlt jetzt, die Quelle des Glanzes, der kosmische Lichtbrunnen, das Auge des Universums, die Sonne. Zurückgelassen hat sie die Welt, überlassen der Nacht, feierlich übergeben den Sternen, dem kalten abendlichen Lufthauch, der tiefen Schwärze des Alls. Der Himmel hat nun keinen Fluchtpunkt mehr, die Welt ist ein Stück end- und haltloser geworden, und von der sicheren Umarmung aus Licht und Wärme gelöst verliert sich die Erde langsam im grauen Nichts .

Für mich ist dies das Signal zum raschen Aufbruch. Ein stundenlanges meditatives Dahinsinnen ist abrupt beendet, die Konzentration des alpinistischen Hier und Jetzt ist nun wieder gefordert, nach Geist und Gedanken ist plötzlich wieder der Körper an der Reihe: Sichere Schritte, feste Handgriffe und geschmeidige, wohlüberlegte Bewegungen von Muskeln und Gliedern führen mich weg vom exponierten, höchsten Punkt. Bald liegt der anspruchsvolle Felsbereich hinter mir, ich darf erleichtert durchschnaufen und mir einige Blicke gönnen: Der Mond steht weiß am Firmament, auch die Sterne grüßen schon schwach herunter, hinter mir kündet der Horizont noch von den Farben des Sonnenuntergangs, während auf der anderen Seite, tief zu meinen Füßen, im Tal bereits die Lichter angehen und eine weitere, warme griechische Sommernacht über den Strand weht. Ich vermute, daß dort unten die Luft ein wenig salzig schmeckt, und schaumig wie das Meer, aber sie enthält sicher auch den Duft von verdorrtem Gras, von Zikaden, und von warmen Häusern - hier oben dagegen: Klare Luft, leere Weiten, eine nackte Welt ...

Das Geröll knirscht unter meinen Füßen, ich rausche den Hang hinab und verzichte auf meine Stirnlampe, denn der Mondschein ist hell genug, und ich möchte mit nichts den Zauber des Zwielichts stören. Noch einige Zeit geht es so dahin, einsam steige ich ab, draußen am Olymp, als kleiner, lebendiger, warmer Punkt an einem so großen, harten, felsigen Etwas, das man "Berg" nennt, dann tauchen plötzlich die Umrisse der Hütte vor mir auf, merkwürdig ebenmäßig in einer Umgebung, deren Schönheit das zufällige Chaos natürlicher Formen ist, und ich lege meinen Rucksack ab, und ich trete ein .

 

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