Grüße aus der Ferne ...

Fünf Wochen Kirgistan, erzählt in zwei Rundbriefen

(Anmerkung: Die folgenden zwei Rundbriefe waren vor allem an Freunde gerichtet und ursprünglich nicht zur Veröffentlichung vorgesehen; daraus resultiert ein gewisser salopper Unterton, an dem empfindliche Gemüter hoffentlicht keinen Anstoß nehmen.)

 

Novembergrüße aus der Ferne ...

Ja, meine lieben Freunde, endlich gelingt es mir nun, euch ein paar Zeilen aus der Ferne zu schreiben. Ich bin so weit von der Heimat entfernt wie nie zuvor, und gerade deshalb macht es mir jetzt eine große Freude, an euch zu denken und etwas von mir zu erzählen.

Hiermit sende ich euch allen herzliche Grüße aus einem der korruptesten Staaten dieses Planeten; aus einem Land, das in Deutschland so unbekannt wie wenige andere ist und das erst seit 1991 die Unabhängigkeit besitzt: Aus Kirgistan!

Insgesamt fünf Wochen dauert mein Aufenthalt hier, wobei ich mich hauptsächlich mit zwei Dingen beschäftige: Erstens halte ich an der staatlich-pädagogischen Arabaev-Universität in der Hauptstadt Bischkek Deutsch-Konversationskurse ab, zweitens erhalte ich fünf Mal pro Woche Russisch-Unterricht. Beides erfolgt wieder einmal nur aus persönlichem Interesse; unter anderem auch deswegen, weil ich mich seit meiner Kindheit für Zentralasien begeistere. Diese Chance, nun endlich eines der zentralasiatischen Länder zu bereisen, war es mir sogar wert, mich ein ganzes Semester an der Uni in München beurlauben zu lassen.

Über die Organsiation "VIA" habe ich die ganze Aktion gebucht. Ziel der Arbeit von VIA ist der interkulturelle Austausch. Ich wohne bei einer alleinerziehenden Kirgisin (geschieden) mit zwei kleinen Kindern, die ich schnell in mein Herz geschlossen habe. Hier, am Stadtrand von Bischkek, habe ich mein eigenes Zimmer und muß auf die grundlegenden Bequemlichkeiten wie Warmwasser, Strom, und ein reichhaltiges Möbelsortiment in keinster Weise verzichten. Sogar ein moderner Fernseher sowie ein Laptop befinden sich im Besitz der Hausherrin - was beweist, daß sie so arm nicht sein kann und sich somit vom Großteil der kirgisischen Bevölkerung unterscheidet. Falls es ihr gelingt, bis zum nächsten Sommer ausreichende Deutschkenntnisse zu erwerben und diese bei der deutschen Botschaft zu beweisen, wird sie mich nächsten Sommer für etwa zwei Wochen besuchen - womit der Zielsetzung des interkulturellen Austausches Genüge getan wäre. Aber nun erst einmal zur Gegenwart.

Ich hole am besten weit aus: Bevor ich auf Bischkek zu sprechen komme, müssen zunächst einige Fakten über Zentralasien bekannt sein. Wo Zentralasien liegt, dürfte jedem einigermaßen bekannt sein, dessen erdkundliches Wissen die galileische Stufe erreicht hat: In der Mitte der größten Landmasse unserer Erde. Es ist, wie ich meine, ein bei uns relativ unbekannter Teil der Welt - zu Unrecht, denn an Geschichte und Kultur ist Zentralasien reich, und es prallen auf ziemlich engem Raum viele grundverschiedene Welten aufeinander: Im Norden befindet sich das riesige Gebiet Rußlands, im Osten ist die chinesische Welt, im Süden und Westen liegt der persische und türkische Einflußbereich mit diversen konfliktträchtigen kulturellen Einheiten und Staaten. Vier große Eroberungswellen mußte Zentralasien in seiner Geschichte hinnehmen, in chronologischer Reihenfolge waren das die Expeditionen und Expansionen der Griechen (Alexander der Große), der Araber (Ausbreitung des Islam), der Mongolen (Tschingis Chan und Nachfahren) und schließlich der Russen. Allein die völlig unterschiedliche Herkunft (Sprachen, Religionen ...) dieser wichtigsten Eroberer unterstreicht schon die Vielfalt der Einflüsse, die hier gewirkt haben.

Seit 1991, als die Sowjetunion zusammenbrach, gibt es in Zentralasien fünf neue, souveräne Staaten: Kasachstan, Kirgistan, Turkmenistan, Usbekistan und Tadschikistan (alle mit riesigen Problemen behaftet, arm, korrupt, von der Demokratie schnell zur Präsidialdiktatur mutiert). Letztere vier befinden sich im unmittelbaren Kernbereich Zentralasiens und decken die unterschiedlichsten Landschaftsformen ab: Vom Kaspischen Meer und dem Aralsee, der schon fast ganz ausgetrocknet ist, über endlos weite Salzwüsten, Grassteppen und fruchtbare Täler, reicht das Reliefprogramm bis zu dem massiven Gebirgsknoten des Pamir, der Höhen von bis zu 7500 m erreicht. Neben diesen ehemaligen Sowjetstaaten zählen noch Teile Chinas, der Mongolei, Afghanistans und des Iran zu Zentralasien, und allein die Musik der Namen dieser Staaten läßt schon etwas von dem abenteuerlichen Charakter Zentralasiens erkennen, der mich so fasziniert.

In der Literatur finden sich farbigste Beschreibungen dieser Gebiete: "Sogar auf Höhen von mehr als 1000 Metern gibt es noch Aprikosen" oder "Vor rund hundert Jahren gab es in den Schilf-Dickichten des südlichen Tadschikistan noch Tiger", usw. Ein Blick auf die Landkarte läßt einen in eine Fantasywelt eintauchen, es finden sich Namen wie "Hungersteppe", "Siebenstromland", "Schwarzer Sand" u.ä. Komplettiert wird das schillernde Erscheinungsbild Zentralasiens noch durch das Nebeneinander von Turksprachen (Kirgisisch, Usbekisch, Kasachisch usw.) und indoeuropäischen Sprachen (Russisch, Tadschikisch, Persisch) - und das Chinesische ist ja auch gleich "daneben". Die Kernstaaten Zentralasiens sind überwiegend muslimisch bevölkert, jedoch hat die Sowjetunion mit ihrem staatlich verordneten Atheismus tiefe Spuren zurückgelassen. Es gibt übrigens auch einen nicht geringen Anteil von Christen; ja sogar ein paar Tausend Deutsche (die es z. B. im Zweiten Weltkrieg hierher verschlagen hat) sind hier vertreten!

Doch ich will euch nicht zu sehr mit theoretischen, weitläufigen Erörterungen langweilen, die euch vielleicht gar nicht interessieren. Daher schnell zu Kirgistan und konkret zu Bischkek, der Hauptstadt. Die Bevölkerung Bischkeks ist größtenteils zweisprachig, fast alle Kirgisen können sowohl Kirgisisch (Muttersprache) als auch Russisch (spätestens in der Schule gelernt). Allerdings gibt es auch große usbekische und russische Minderheiten, und da sieht es mit der Polyglossie schon wieder etwas anders aus. Ich verstehe einige kirgisische Wörter, da es ja eine Turksprache ist und ich ein bißchen Türkisch kann; ich habe mich hier jedoch für Russisch-Unterricht entschieden, weil man damit natürlich tausendmal mehr anfangen kann (außerdem fehlt mir als Sprachenfan noch eine slawische Sprache in meiner "Sammlung"). Die Kirgisen haben ein mehr oder weniger mongolisches Aussehen ("Schlitzaugen"), allerdings sind sie deutlich von Chinesen und Japanern zu unterscheiden. Sie haben eben das speziell zentralasiatische Element im Gesicht.

Wie muß man sich Bischkek vorstellen? Nun, es ist eine Stadt mit knapp einer Million Einwohnern, und sicherlich nicht gerade eine der schönsten, die ich je gesehen habe. Sie wurde erst im 19. Jahrhundert von russischen Einwanderern gegründet und sieht dementsprechend "modern" und aus dem Boden gestampft aus: Schachbrettriß, fast keine Straßenkurven, nur lotrechte Kreuzungen, alles extrem geräumig und weit gebaut, mit gigantisch breiten Boulevards, Plätzen und Parks. Graue Plattenbausiedlungen. Es gibt quasi keine Sehenswürdigkeiten, aber viele häßliche Gebäude, alles ist marode und heruntergekommen, vieles ist grau und trist, die Gehwege sind voller Schlaglöcher und nachts unbeleuchtet und von der Müllproblematik fange ich hier natürlich lieber gar nicht erst an. Ich sag's euch - bei strömendem Dauerregen ist die Stadt wirklich das Deprimierendste und "Runterziehendste", was ich je erlebt habe. An genau so einem Tag war ich bei einer ganz seltsamen Basketballaktion dabei, in einem absolut trostlosen und völlig kaputten Hinterhof in Bischkek, auf einem unebenen und pfützenübersäten Basketballplatz, wo der eine Korb kein Netz hatte und der andere ganz fehlte, und mitten im Regen, in der grauen Traurigkeit, habe ich mit einem Schweizer, den ich hier kennengelernt habe, und einem ortsansässigen Kirgisen ein bißchen gespielt. Ich glaube, in keinem USA-Ghetto kann Basketball trostloser sein ... Man muß allerdings fairerweise noch dazusagen, daß es in Bischkek erfreulich viele Bäume und Grünflächen gibt, wodurch das schlechte Erscheinungsbild der meisten Gebäude und der Straßen wieder etwas ausgeglichen wird.

Alles, was ich hier sehe und erlebe, beurteile ich logischerweise (und oft ganz unbewußt) vor dem Hintergrund der anderen Auslandserfahrungen, die ich gemacht habe; sprich, ich vergleiche Bischkek mit Thessaloniki und Teheran. Ein Beispiel: Es sind weitaus weniger Raucher präsent als in Griechenland; auch kein deutlich sichtbarer Breiten-Alkoholismus ist festzustellen - aber es gibt alle 50 Meter einen kleinen Stand, wo man die ausgefallensten Zigarettenmarken und diverse Schnapssorten bekommt, was vielleicht auf eine verborgene Dauerbedröhnung der Kirgisen innerhalb der eigenen vier Wände hindeuten könnte. Der Verkehr ist deutlich entspannter und humaner als in Teheran.

Dem traurigen Erscheinungsbild der Gebäude Bischkeks steht radikal das öffentliche Auftreten der Menschen entgegen: Es herrscht hier ein sehr ausgeprägtes Modebewußtsein vor, und manchmal muß man echt anerkennend den Kopf schütteln: Absolute Pflicht sind polierte Schuhe sowie grundsätzlich ein gepflegtes Äußeres. Nahezu alle Männer in Bischkek tragen schöne, saubere, schwarze Schuhe, dunkle Hosen und Jacken oder Mäntel aus Leder. Viele, hauptsächlich die älteren, tragen einen weißen Filzhut; das ist ein nationales Symbol und sieht sehr sympathisch aus. Auch die Frauen sind äußerst angenehm anzuschauen; sie kleiden sich dezent, dunkel, unauffällig, richtig geschmackvoll. Ich empfinde das als sehr wohltuend fürs Auge und habe eigentlich noch keine Kirgisin gesehen, bei der ich mich am übermäßigen Make-up oder an schrillen, deplazierten Farben gestört hätte. Ständig sieht man sie in der Öffentlichkeit an einer spiegelnden Fläche haltmachen, ihr Aussehen überprüfen oder sich kämmen. Ich habe festgestellt, daß es auch mir Spaß macht, ein paar Wochen lang mal nicht légère, sondern richtig fein (das heißt nicht "teuer", sondern "anständig" und "sauber") angezogen aus dem Haus zu gehen. Dies alles gilt natürlich nicht für die unterste Schicht der Bevölkerung, die man keinesfalls verschweigen darf: Ein Riesen-Prozentsatz der Kirgisen lebt unterhalb der Armutsgrenze und sieht oft sehr mitgenommen aus; viele fristen als Bettler ihr Dasein, als Ziehharmonikaspieler oder als Straßenkünstler, die Bilder mit den Füßen malen; von daher relativieren sich meine Aussagen über die Mode und sind wohl auf die halbwegs gutsituierten Kreise der Hauptstadt beschränkt. Als negativ könnte man es auch bezeichnen, daß das Kleidungsbewußtsein teilweise in einen Wahn umzuschlagen scheint; so habe ich von Frauen gehört, die tagsüber nie etwas essen, um sich schneller wieder ein modisches Kleidungsstück leisten zu können ...

Es gibt hier einige kulturelle Traditionen und Regeln, die uns in Deutschland vollkommen fremd sind. Zum Beispiel ist es verpönt, sich öffentlich zu schneuzen; andererseits ist es aber überhaupt kein Problem, auf der Straße einfach hemmungslos herumzurotzen, sich laut den Schleim aus der Nase herunterzuziehen und damit schön auffällig herumzugurgeln, um ihn dann so richtig aggressiv auf die Straße zu "glaacheen", wie man in Bayern sagt. Mit Schneuzen und Spucken verhält es sich also genau andersherum als bei uns! Tatsächlich liegt alle fünf Meter ein Schleimbatzen auf dem Bürgersteig. Darüber hinaus gibt es noch Volksbräuche, die unserem gesunden Menschenverstand diametral zuwiderlaufen: Es gibt in Kirgistan als geduldete Tradition z. B. den Brautraub, d.h. ein Mann kann sich einfach eine Frau gewaltsam beschaffen, in sein Haus bringen und sie so zur Heirat zwingen. Will sie das Haus wieder verlassen, kann sie von der Schwiegermutter verflucht werden. Noch krasser: Ist das erste Kind einer Kirgisin ein Sohn, hat die Schwiegermutter das Recht, ihn ihr für immer wegzunehmen! Und das wird tatsächlich noch ab und zu praktiziert! Ich kann da nur fassungslos den Kopf schütteln und werde in meiner Auffassung bestärkt, daß jeder Kulturrelativismus hier einfach fehl am Platz ist und daß es einfach kulturelle Erscheinungen gibt, die "irren". So etwas ist nicht einfach mit der Bemerkung abzutun, daß es bei "denen" nun mal so ist und immer schon war; nein, hier wird gegen die Menschenrechte verstoßen. Tut mir leid, aber was soll das für eine "Kultur" sein, die mit jungen Frauen dermaßen verächtlich umgehen darf?

Überhaupt ist natürlich die kirgisische Mentalität weit von der schwäbischen "Häuslebaue"-Mentalität entfernt. Man wundert sich hier in allererster Linie - und das ist das Kardinalproblem so vieler Länder - über jenes Phänomen, das ich gerne als "schreienden Dilettantismus" bezeichne. Alles ist einfach irgendwie hingeschludert, alles ist instabil, kaputt, einfach gnadenlos unprofessionell. Es fehlt die Fähigkeit, langfristig zu planen; aber auch bei kurzfristigeren Abmachungen kann man sich leider auf das Wort eines Kirgisen nicht verlassen - danach sehen zumindest meine ersten Erfahrungen aus. Manchmal denke ich mir, daß selbst der besoffenste bayerische Maurer noch solidere Arbeit leistet als die hiesigen. Vielleicht sind die nicht gerade motivierenden Niedriglöhne in Kirgistan eine Entschuldigung für die Marodität, vielleicht fehlen auch noch viel grundlegendere Voraussetzungen, ich weiß es nicht. Bemerkenswert ist es auf jeden Fall schon, daß ständig irgendetwas kaputt geht, im Lokal im Stadtzentrum einfach mal der Strom ausfällt, oder daß es mal wieder kein warmes Wasser gibt. Selbst am Deutsch-Lehrstuhl der Uni bestehen die Steckdosen einfach aus offenen Stromanschlüssen in der Wand, mit denen man einen Stecker einfach irgendwie in Kontakt bringt, wenn man Strom braucht. Das sind natürlich alles keine wirklichen Probleme, aber ich erwähne es, weil es zum Bild der Stadt dazugehört. Ein Hemmschuh bei der Entwicklung des Landes sind natürlich noch die Altlasten der Sowjetunion, ganz klar. Aber hier und da ein bißchen mehr Gefühl für Professionalität, für Ernsthaftigkeit und Sauberkeit nicht nur bei der eigenen Kleidung, sondern beim Stadtbild und der Arbeitsmoral, und schon könnte das Land vielleicht anders aussehen. Aber möglicherweise sind das auch die irrigen Gedanken eines Deutschen, der erst seit zwei Wochen hier ist.

Und schon bin ich bei den Preisen. Ich sag's gleich vorneweg: Als Deutscher bin ich hier der König. Nicht nur, daß ich an und für sich ein Vorzeige- und Paradeobjekt bin, da sich die meisten Kirgisen nach Deutschland sehnen und ich hier als Vertreter einer besseren Welt fungiere, nein, hinzu kommt noch, daß meine Reisekasse für fünf Kirgistanreisen ausreichen würde, weil hier alles so extrem billig ist. Die Währung ist der kirgisische Som, und es ist durchaus eine Art Idealwährung: Ein Som hat den Wert von zwei Eurocent. Somit haben alle normalen Waren wunderschöne Preise, praktisch immer ohne Komma, aber auch ohne dreißig Nullen hintendran. Ein paar Beispiele: Ein Kilo Kartoffeln kriegt man ab 2 Som (4 Eurocent), einen Laib Brot ab 3 Som (6 Eurocent), eine Fahrt mit dem Sammeltaxi (oder besser: Linien-Kleinbus) 5 Som, egal wie weit man in der Stadt fährt; eine Schachtel "Zigaretten" ab 5,5 Som (die Stange also für 1,10 Euro!), eine Schachtel Zigaretten (diesmal wohlgemerkt ohne Anführungszeichen) ab 20 Som, einen Liter Bleifrei-Benzin ab 16 Som, eine Stunde Internet ab 25 Som, und ein schönes, gutes Essen im Restaurant ab ca. 80 Som. Ich gebe hier also extrem wenig Geld aus und kann mir alle normalen Dinge, die ich zwischendurch gerne haben möchte, ohne großes Überlegen leisten. Einerseits ist das ein schönes, streßfreies Gefühl, andererseits will ich auch nicht vergessen, daß diese Preise bedeuten, daß es vielen Leuten deutlich schlechter geht als mir und sie diese Preise gar nicht als so niedrig empfinden. Und dieses Wissen um die Armut ist durchaus belastend.

Tja, es gibt natürlich noch viel mehr Dinge, die mir aufgefallen sind und die vielleicht interessant wären, z. B. daß es hier keine Kaffeekultur gibt, sondern höchstens eine Teekultur; daß die Kinder schon im Kindergarten Schreiben und Rechnen können, daß extrem viele Menschen beim Lächeln eine schaurige Reihe von Goldzähnen entblößen (es sieht so skelettartig aus ...); daß das Verhältnis zwischen Islam und Christentum hier in Bischkek erstaunlich entkrampft ist; beides existiert hier friedlich nebeneinander (im Gegenteil zum eher radikal-islamischen Südteil Kirgistans). Man weiß auch nicht recht, ob man Bischkek dem Orient zuordnen soll oder nicht, denn einerseits hört man schon ab und zu den Muezzin über die Dächer tönen, und das erstaunlich ausgebaute Basarwesen hier übertrifft sogar fast Istanbul und Teheran; aber andererseits fehlen die engen Straßen, der unerträgliche Lärm und die immer schlechte Luft "echter" Orientmetropolen. Schließlich entbehrt Bischkek mit seinen relativ großflächig verteilten, vielleicht 900.000 Einwohnern einfach auch der schlichten Masse an Menschen, um mit Kairo oder Teheran auch nur annähernd verglichen werden zu können. Es ist eine seltsame Stadt. Mit seinen vier großen Basaren, dem Weißen Haus (das ist der Präsidentenpalast im Stadtzentrum) und 14 (!) Universitäten ist Bischkek irgendwie einfach unwahrscheinlich ...

Bei einer Joggingaktion konnte ich einmal den städtischen Rahmen verlassen und meine Sicht des Landes deutlich erweitern: An einem Schönwettertag bin ich einfach südlich aus der Stadt hinausgelaufen und durch das ebene Land ein paar Kilometer dahin, bis zu den ersten Hügeln. Auf die erstbeste Erhebung bin ich raufgekeucht und hatte von oben einen super Blick über die Ebene und die Stadt (von der man übrigens wegen der vielen Bäume gar nicht so viele Häuser sieht). Und das Besondere für mich als Erdkundefreak war, daß ich genau an dem Punkt stand, wo die Tausende von Kilometern weite Ebenenlandschaft Rußlands und Kasachstans, mit endlosem Niemandsland und wilden Kamelen, endet und sich plötzlich, von einem unsichtbaren tektonischen Titan bewegt, zum größten Gebirgskomplex der Welt auffaltet. Man kann diese Grenze zwischen unendlicher Ebene und jähem Hochgebirge absolut exakt bestimmen und darauf herumspazieren. (Aber wie egal ist dieses Wissen beim Anblick zweier kirgisischer Buben, die gerade von der Schule kommen, zu ihrer Baracke namens "zuhause" gehen und nichts von diesen Erdrelieffakten wissen!) Wenige Kilometer hinter mir waren schon die ersten verschneiten Viertausender (was für ein Anblick!), noch weiter hinten kommt dann der Pik Lenin, ein kirgisischer Siebentausender, und schließlich setzt sich dieses Gebirgsmassiv von Tian Shan über Pamir, Karakorum und Himalaya bis zum Mount Everest fort, um sich in den ungezählten, fernen Dschungelbergen Indochinas zu verlieren ... Ein globaler Moment sozusagen, und ich habe ihn wirklich genossen.

Über das Wetter kann ich nur glücklich sein, denn abgesehen von einigen sehr tristen Schlechtwettertagen in der ersten Woche habe ich hier bisher fast nur schönes Herbstwetter erlebt. Bald kann jedoch auch hier der Wintereinbruch kommen. Übrigens sind die Wetterextreme hier nicht so kraß, wie man es sich vielleicht vorstellt. Im Winter bekommt's maximal -25 Grad, im Sommer maximal +40, aber das ist sicher auch nicht die wochenlange Regel; damit ist das Wetter also einfach ein bißchen extremer als in Deutschland, aber noch längst nicht so wie im fernen Sibirien. Im Sommer muß Kirgistan ein traumhaftes Urlaubsland sein, mit seinen Bergen, Hochebenen und Seen.

Jeder Tag bringt natürlich kleine Abenteuer und Herausforderungen mit sich, und es sind zu viele, als daß ich hier umfassend über sie berichten könnte. In der Uni bin ich mit Studenten konfrontiert, die von Deutschland träumen und für die ich die absolute Lichtgestalt bin; eine der ersten Fragen ist natürlich "Sind Sie verheiratet?", die zweite Frage ist dann "Warum nicht?" Ständig ist man mit interessanten Menschen konfrontiert, ständig muß man sich mit Menschen auseinandersetzen, die in einem völlig anderen Kontext leben als man selbst; immer sind es die menschlichen Begegnungen, die das Salz in der "Reisesuppe" ausmachen, und immer sind es auch die Menschen, die, wenn sie auch noch so fremd und anderssprachig sind, mit einem Lächeln und ihrer Freundlichkeit etwaige Einsamkeitsgefühle sofort in Freude verwandeln können. Auch das Erlernen einer neuen Sprache ist wieder sehr spannend; doch auch über meine eigene Sprache lerne ich hier viel, denn als Lehrender ist man gezwungen, sie zu objektivieren und sich über sie Gedanken zu machen, damit man sie in möglichst einfacher Weise anderen beibringen kann.

Faszinierend ist aber vor allem das zwischenmenschliche Netzwerk, das man hier knüpft: Während man nach der Ankunft noch ein in die unbekannte Fremde geworfener Einzelgänger ist, lernt man schnell andere Ausländer kennen, die wiederum jemanden kennen, dem man vorgestellt wird und so weiter ... Und so kenne ich jetzt, nach zwei Wochen, schon eine gute Handvoll Schweizer, einen Deutschen, einen Engländer, war auf einer norwegischen Geburtstagsfeier ... Unglaublich, welch europäische Gefühle hier in Bischkek bei mir aufkommen: Jedes englische Wort ist bereits ein Stück Heimat, die Norweger wirken auf mich wie liebe Vertraute, mit denen man stillschweigend etwas gemeinsam hat und in deren Gegenwart man sich wohl fühlt ...

Ein paar Probleme gibt's mit der hiesigen Gastfreundschaft. Der Knackpunkt ist nämlich, daß einem immer zu viel Essen aufgetischt wird. Das ist ein kirgisisches Phänomen, und ich bin von dessen Dimension wirklich verblüfft, auch wenn ich schon darauf vorbereitet war, als ich hierher kam. Ohne selbst viel zu essen, wollen kirgisische Gastgeber ihren Gästen ständig Essen aufzwingen; am liebsten hätte meine Gastmutter, wenn ich fünf Mal am Tag fett essen würde; ständig wird viel zu viel Essen eingekauft und muß dann weggeworfen werden, sprich: Es ist einfach nicht in Ordnung und meiner Meinung nach vielleicht falsch verstandene Gastfreundschaft. Ich werde an sich ja nicht unfreundlich behandelt, im Gegenteil, man meint es zu gut mit mir. Es ist leider kein Vergleich mit der einzigartig erfreulichen und entspannten Gastfreundschaft der Iraner. Wenn man von mir erwarten würde, daß ich irgendetwas genauso mache wie die Einheimischen, dann wäre das für mich in Ordnung und Teil des grundsätzlichen, stummen "Deals", den man einzugehen bereit sein muß, wenn man in so ein fremdes Land reist; aber wenn sie von mir etwas erwarten, was weder Teil meiner noch ihrer eigenen Kultur ist (denn sie selbst essen ja nicht solche Berge; auch für die Kirgisen liegt das Traumgewicht unter 150 kg), dann ist für mich die Grenze der Lustigkeit erreicht. Übrigens ist Kirgistan ein Traum für Fleischliebhaber, denn fast die gesamte Küche basiert auf Fleisch. Täglich steht Fleisch auf dem Speiseplan, wenn auch in nicht so massiver Form wie bei der bayerischen Küche; meistens ist es Beilage. Man hat mir sogar schon Pfannkuchen, gefüllt mit Marmelade ... und Fleisch (!), aufgetischt. Ein anderes Mal durfte ich von Schafsdärmen, zu einem kleinen, drolligen Zopf geflochten, probieren. Es blieb beim Probieren, da es gleichzeitig Marmeladebrote gab. Insgesamt ist die kirgisische Küche, auch abgesehen vom Fleisch, wunderbar. Ich denke da nur an die häufig servierten, kräftigen Gemüsesuppen, Reisspeisen, Teigtaschen und mehr. Mmmmhh ...

Eben erst habe ich einen zweitägigen Ausflug zum Issyk-Kul unternommen, dem großes See des Landes, den ihr auch auf einer Weltkarte finden könnt. Was ich dort erlebt habe, sprengt alles Bisherige bei weitem. Um es vorwegzunehmen: Ich habe noch nie etwas so Schönes gesehen ... Doch davon erzähle ich euch ein andermal. Dann werdet ihr auch mehr davon lesen können, was die Konversationsstunden an der Uni so alles an Erlebnissen bieten ...

Noch warten viele Erlebnisse auf mich, von denen ich jetzt noch gar nichts ahne. Ich befinde mich noch in der ersten Hälfte meiner Reise, habe immerhin schon die erste harte Zeit des Eingewöhnens hinter mich gebracht. Allmählich merke ich, wie die anfängliche Naivität und Empfindlichkeit einer gewissen Stundenplan-Routine weicht; wie ich immer mehr Augenblicke genießen kann und mir dessen bewußt werde, daß mich all das hier für immer bereichert. Ganz allmählich richten sich sogar schon erste verstohlene Gedanken wieder in Richtung Heimat, und im Hinterkopf (oder im Herz?) werden die ersten Vorstellungen geformt, wie unglaublich beglückend und wohltuend die Heimkehr sein wird, das traute Zuhause, die Familie, die Berge ... Ich bin eben doch verwurzelt, schaue nur dann und wann in die aufregende, weite Welt hinaus, um schließlich in der Heimkehr wieder Glück zu finden ...

In diesem Sinne, liebe Freunde, laßt es euch gutgehen und schenkt mir ein paar eurer Gedanken

bis zum nächsten Mal

euer J. aus Bischkek

 

 

Dezembergrüße aus der Ferne ...

Einmal noch, liebe Freunde, möchte ich ein bißchen von Kirgistan erzählen und euch eine Auswahl von interessanten Informationen bieten. Ich hoffe, ihr habt die nötige Lesemoral, um einen diesmal etwas längeren Text zu verkraften; leider sehe ich mich außerstande, die folgenden Erzählungen zu komprimieren. Ich muß einfach vieles loswerden und beschränke mich ohnehin schon auf das, was mir am bemerkenswertesten erscheint.

Zuallererst sind noch ein paar Fragen zu klären, die von eurer Seite entstanden sind. Wie heißt denn nun eigentlich das Land, in dem ich mich aufhalte? Nun, es kursieren im deutschen Sprachraum drei verschiedene Bezeichnungen, nämlich Kirgistan, Kirgisistan und Kirgisien, und alle drei sind "richtig". Ich persönlich bevorzuge "Kirgistan", da es irgendwie die einfachste der drei Varianten ist und auch von den Kirgisen selbst verwendet wird. Offiziell heißt das Land "Kyrgyzstan" bzw. "Kyrgyz Respublikasy", wobei ich hier nicht genug Platz und Zeit habe, um die korrekte Aussprache zu erläutern, das demonstriere ich dann eventuellen Interessierten lieber persönlich - zur Not mit Händen und Füßen.

Was die Hauptstadt Bischkek anbelangt, ist zu erwähnen, daß diese noch sehr junge Stadt zuerst Pischpek hieß, und dann, zu Sowjetzeiten, "Frunse" (zu Ehren eines gleichnamigen Militärs). "Frunse" taucht dementsprechend oft in irgendwelchen älteren Atlanten auf. Seit der Unabhängigkeit 1991 heißt die Stadt Bischkek.

Nun denn: auf, auf zum fröhlichen Erzählen.

Den eigentlichen Teil dieses Rundbriefs möchte ich mit einem sehr seltsamen "Münchner" Erlebnis beginnen, das ich hier in Bischkek hatte. Meine Gastgeberin und ihre Schwester luden mich eines Abends in ein Lokal ein, dessen Name sofort mein Interesse weckte: "Steinbräu"! Voller Spannung fuhr ich dorthin, und tatsächlich, es handelte sich um ein "deutsches" Bierlokal, mit integrierter Brauerei. Was für eine Überraschung! Bemerkenswert war vor allem die korrekte Schreibung des Wortes "Steinbräu". Vollends aufgewühlt war ich dann beim Blick in die Karte: Es gab nämlich "Munich Salad", "Rice Bavarian Style" (ich hatte bis dato gar nicht gewußt, daß Reis eine bayerische Spezialität ist ...) und - man ziehe sich warm an - ... "MUNICH SAUSAGES"!!! Nein, das konnte doch nicht sein, "Munich Sausages"?! Das werden doch keine ... Weißwürste sein, dachte ich halb freudig, halb furchtsam, womöglich noch in der Pfanne gebraten? Natürlich bestellte ich sowohl den Munich Salad, als auch den bayerischen Reis und die Munich Sausages. Letztere waren dann gottseidank doch keine Weißwürste, sondern irgendwelche anderen faden Dinger, der bayerische Reis entpuppte sich als ein stinknormales Häufchen Reis, und auch der Munich Salad hieß nur so, damit er einen Namen hatte. Letztendlich hatte das Essen also nicht das Geringste mit München oder Bayern zu tun und war darüberhinaus ziemlich kalt und wenig schmackhaft. Das Bier dagegen war ein echter Genuß. Im Gegensatz zur korrekten Orthographie beim Wort "Steinbräu" trugen einige Begriffe aus der Speisekarte noch zu meiner allgemeinen und biergestützten Lustigkeit bei, wie z. B.  "Caizerschnitzel" oder "Karriwurst". An der Wand hingen Fotos, auf denen Roman Herzog mit dem kirgisischen Präsident im Steinbräu feiert, aber noch bemerkenswerter war eine große Wandtafel mit dem Bayerischen Reinheitsgebot von 1516, in Originalsprache! Und das in Bischkek! Insgesamt also ein wirklich bereicherndes Restauranterlebnis der etwas anderen Art.

Es folgte der schon im letzten Brief angekündigte Ausflug zum Issyk-Kul, dem großen See des Landes. Er ist das absolute Aushängeschild Kirgistans, Sommer-Urlaubsziel und Objekt des Stolzes aller Kirgisen. Nachdem mir diese natürliche Sehenswürdigkeit schon von vielen Studenten heißest empfohlen worden war, trat ich nun bei Traumwetter die beschwerliche Fahrt dorthin mit dem Kleinbus an. Mit dabei waren die beiden Kirgisinnen Perisat und Aruke, sowie Peter aus Hamburg. Sechs Stunden lang dauerte die Fahrt, und da wir ganz hinten im Kleinbus sitzen mußten, wurden wir unaufhörlich durchgeschüttelt. Die Straßen sind in einem desolaten Zustand, es war eine einzige Schlaglochparty. Bei so einer Reise wird einem der Charakter Kirgistans schnell klar: Es handelt sich hier um ein von Gebirgen zerklüftetes Land (weit über 90% der Fläche sind Gebirge, das Land liegt durchschnittlich auf 2700 m Höhe!), in dem es eben die Hauptstadt Bischkek gibt - und alles andere ist schwer erreichbare Provinz. Jedenfalls eröffnete mir diese Tour zum ersten Mal richtige Einblicke in die Landschaft, und ich konnte es einfach nicht fassen, wie schön dieses Land ist, und in welch unglaublichem Kontrast diese ländliche Schönheit zur Großstadt Bischkek steht. Ich konnte einfach nur noch staunen. Die vielen sanft geschwungenen Licht- und Schattenlinien der braunen, sandigen Hügelkämme, Schafherden, Tausende von verschneiten, hohen Bergen, und dann dieser See mit seinem tiefen Blau, an dessen Stränden die Pferde weiden ... Worte können natürlich nicht annähernd das wiedergeben, was man beim ersten Anblick einer so schönen und ungewohnten Landschaft empfindet; ich weiß auch, daß man Superlative eher meiden sollte, aber ich hatte tatsächlich den Eindruck, daß das das Schönste war, was ich jemals an Natur gesehen hatte. Kurz vor Sonnenuntergang machte unser Gefährt die Wahnsinnsbelastung aufgrund der kaputten Straßen nicht mehr mit und hatte eine Panne. Im letzten Licht standen wir mit irgendwelchen Kirgisen auf der Straße herum, ein Reiter sprengte daher und beäugte uns mißtrauisch, das war zentralasiatisches Marlboro-Cowboy-Feeling inmitten einer vergessenen Bergwelt ... (mit dem kleinen Unterschied, daß die hiesigen Zigaretten ein paar Jahrzehnte früher zu Lungenkrebs führen als Marlboro ... Mittlerweile hab ich ja auch schon eine Marke entdeckt, deren Stangenpreis unter 90 Eurocent liegt ... Was für'n Gemüse!)

Wir übernachteten in einem kleinen Dorf, zwischen dem Issyk-Kul (der 1600 Meter hoch liegt) auf der einen Seite und Fünftausender-Gipfeln auf der anderen. Durch dieses Dorf zu spazieren und Leute kennenzulernen, bot schlagartig wieder viele neue Erlebnisse, die mein persönliches Kirgistanbild ungemein erweiterten. So gibt es hier viele Haushalte, die über kein Telefon verfügen (hochinteressanterweise auch viele ohne Telefon, aber mit Fernseher!), Warmwasser gibt es auch nicht, ebensowenig wie hausinterne Toiletten, sondern nur Plumpsklos (was bei mir als Bergsteiger fast heimatliche Alpen-Gefühle hervorrief). Auf der "Straße", die manchmal eher an einen Kartoffelacker erinnerte, trotteten allerlei Tiere selbständig durchs Dorf, z. B. Esel, Gänse, Schafe usw. Zu manchen Tageszeiten begegnen einem dort wirklich mehr einzeln herumgehende Tiere als Menschen.

Das einprägsamste Erlebnis waren aber die Kirgisen, die auf einem Pferd durch das Dorf ritten. Weitaus öfter als mit dem Auto sind sie per Pferd unterwegs, stolz, selbstbewußt, mit dem traditionellen weißen Filzhut und einem markanten Aussehen. Wettergegerbt sehen sie aus, ihre Haut ist ledrig, dunkel, ja fast schwarz, möchte man manchmal meinen, und gerade die älteren Kirgisen sind eine besonders eindrucksvolle Erscheinung mit ihren faltigen Gesichtern und den fast ganz geschlossenen Augen. Als ich mit meinem Fotoapparat am Wegrand stand, einen vorbeikommenden Reiter fotografierte und er daraufhin sein Pferd zu mir lenkte, mich anlächelte und mit einer weit ausladenden Handbewegung und einer Verneigung auf dem Pferd stumm seine Gastfreundschaft demonstrierte, konnte ich es wirklich nicht mehr fassen und fragte mich, in welcher Welt ich hier gelandet war. Phantastisch!

Vor allem der unglaubliche Reichtum an Fotomotiven fällt hier auf dem Land auf. Eine alte Lenin-Statue, eine brandneue Moschee, die fußballspielenden Straßenjungen, die kinderreichen Familien mit oft acht bis zehn Kindern, die ärmlichen Baracken, die vielen Tiere, die im Abendlicht leuchtenden Viertausender und und und ... Mein Glück war, zu einer absoluten Nebensaisonzeit, aber bei Traumwetter an diesem scheinbar gottverlassenen Ort gewesen zu sein. Leider ging's schon am nächsten Tag wieder zurück nach Bischkek. Sofort wußte ich: Im Sommer wäre der Issyk-Kul ein Paradies. Badefreuden bei über 30 Grad, mal nen kleinen Viertausender zwischendurch, billigste Einkaufs- und Ausflugsmöglichkeiten, Ruhe und vor allem: Sternenreiche Nächte, irgendwo zwischen Orient, Taiga und Fernost ...

Leider bleiben die zwei Tage am Issyk-Kul der einzige größere Ausflug, der mir während meiner fünf Wochen vergönnt ist. In der Hauptstadt nimmt wieder alles seinen (un)gewohnten Gang, ich entwickle allmählich eine Art Routine, gewöhne mich an vieles, mache mir einige Orte vertraut, aber letztendlich bleibt doch jeder Tag spannend und bietet Herausforderungen und neue Erlebnisse. Ich möchte jetzt ein bißchen von der Uni erzählen, an der ich tätig bin, damit ihr euch ein Bild von den hiesigen Studienverhältnissen machen könnt.

An vier Tagen pro Woche gebe ich Konversationsstunden und biete somit den Studenten die seltene Möglichkeit, einen Muttersprachler sprechen zu hören und auch selbst zu sprechen. Das auffälligste ist, daß es hier fast nur Studentinnen, nicht Studenten gibt. Das nächste ist, daß die Studentinnen durchschnittlich viel jünger sind als bei uns. Manchmal hat man durchaus den Eindruck, man steht in einer zehnten Klasse und nicht in einem Uni-Hörsaal. Die Deutschkenntnisse der Studenten sind extrem unterschiedlich, da manche von ihnen bereits ein Au-pair-Jahr in Deutschland hinter sich haben. In allen Gruppen der fünf Studienjahre gibt es daher Studenten, mit denen ich mich richtig ungezwungen und frei unterhalten kann, und andere, die fast kein Wort hervorbringen, obwohl sie bereits in der Schule Deutsch hatten und an der Uni auch schon im vierten Jahr sind. Auf einem richtigen Weg sind jedenfalls diejenigen Studenten, die noch nicht gut Deutsch sprechen, sich aber trotzdem trauen, den Mund aufzumachen. So verriet mir eine Studentin in ganz rührender Offenheit, daß sie gerne "Furz" esse - ich war dann wirklich erleichtert, als ich begriff, daß sie lediglich das Wort "Wurst" falsch ausgesprochen hatte ...

Das Lehrpersonal besteht nur aus Frauen, von denen manche noch nie in einem deutschsprachigen Land waren. Beim näheren Hinsehen fällt auch hier z. T. wieder ein großer Mangel an Professionalität, Kompetenz und Motivation auf. Die Lehrstuhlleiterin spielt in ihrem Büro vor meinen Augen ganz ungezwungen Computerspiele und tut auch sonst scheinbar nichts, außer Telefonanrufe entgegenzunehmen. Eine andere beantwortet die Fragen ihrer Studenten teilweise absichtlich nicht, sondern verweist sie auf die kostenpflichtigen Privatstunden, die sie ja bei ihr nehmen können - in so kniffliger Form verbirgt sich auch hier an der Uni jenes Prinzip, das das ganze Land wie ein hungriger Bandwurm durchzieht: KORRUPTION! "Gute Miene zum bösen Spiel", das ist die Redewendung, die mir so oft in den Sinn kommt, wenn ich mich hier umsehe. Es ist manchmal schon der Hammer, was für ein Bildungsgefälle zwischen Deutschland und Kirgistan festzustellen ist. Ein Zustand, der bei uns als (PISA-Turm-) Schieflage im Bildungssystem gilt, wäre für Kirgistan ein Quantensprung in eine bessere Zukunft ... Tja, so gut haben wir's (noch?) in Deutschland!

Schön waren die außerplanmäßigen Veranstaltungen, die ich an der Uni miterleben durfte. So wurde z. B. anläßlich Schillers 245. Geburtstag eine kleine Feier veranstaltet, bei der plötzlich auch ich um eine Rede gebeten wurde. Naja, ich bin halt aufgestanden und habe - natürlich als einziger anwesender Deutscher - spontan ein bißchen über Schiller und seine ja ach so große Bedeutung und ähnliches mehr "aufgelabert". Nichts gegen Schiller - im Gegenteil, er ist wirklich ein toller Schriftsteller, nur wirkt die Jubiläumsfeier hier an der Uni ein bißchen unglücklich, da den meisten anwesenden Dozenten und Studenten die Sprachkompetenz fehlt, um Schiller zu verstehen, und auch ich bin alles andere als ein Experte ... Außerdem ist der 245. Geburtstag eines deutschen Schriftstellers in Kirgistan wohl auch kein ganz so frenetisch gefeierter Volksfeiertag wie z. B. der 200. Independende Day in den USA ...

Die Deutsch-Bibliothek des Lehrstuhls bietet die Möglichkeit zu einer Reise in die Vergangenheit. Fast kein Buch ist jünger als 25 Jahre, man fühlt sich durch die vielen farbarmen und abgegriffenen Buchdeckel mit komischem Schriftbild in DDR- oder noch schlimmere Zeiten zurückversetzt ... (wohingegen der Deutsch-Lesesaal in der Bischkeker Nationalbibliothek eine wirklich tolle Sache ist. Da sitzen Kirgisinnen drin und ziehen sich Videos über den Nürnberger Christkindlesmarkt rein ...)

Lustig war auch ein phonetischer Wettbewerb, der für alle Deutsch-Studenten des ersten Studienjahres veranstaltet wurde. Jede Studentin bzw. jeder Student (Männeranteil unter 5%) mußte unvorbereitet einen deutschen Zungenbrecher laut vorlesen sowie ein auswendig gelerntes Gedicht aufsagen. Ich hatte die Ehre, neben vier Dozentinnen in der Jury zu sitzen und nach jeder Darbietung ein Täfelchen mit einer Zahl hochzuhalten. Das Schönste an diesem Erlebnis war für mich jedoch, daß ich da in irgendeinem Unigebäude in Bischkek saß, die Augen schließen konnte und aus dem Mund eines vielleicht 18-jährigen Mädchens aus irgendeinem abgeschiedenen Bergdorf Kirgistans meine Lieblingsgedichte von Rilke vernehmen durfte! Ja, Literatur verbindet die Welt ...

... außer dann, wenn eine Dozentin nicht kapiert, daß Rainer Maria Rilka ein Mann ist und allen Ernstes und mit großer Überzeugung von einer gewissen "Maria Rilke" spricht ... ist hier alles schon vorgekommen ...

Schließlich war mir - nach Schiller-Jubiläum und Phonetik-Wettbewerb - noch ein drittes schönes, außerplanmäßiges Erlebnis an der Uni beschieden: Die österreichische Schriftstellerin Petra Nagenkögel war zu Gast und veranstaltete eine Lesung aus ihrer ersten Buchpublikation. Schon für mich als einzigem Muttersprachler im Auditorium war das Zuhören anspruchsvoll - wie wenig werden wohl die meisten Studentinnen begriffen haben! Aber trotzdem heiße ich so etwas uneingeschränkt gut; der direkte Kontakt mit Schriftstellern kann begeistern, kann neue Sichtweisen auf die Literatur eröffnen ... Ich bin grundsätzlich während meines Praktikums hier an der Uni ein absoluter "VIP" und werde als derzeitiges Vorzeigeobjekt des Deutsch-Lehrstuhls natürlich auch zum internen Kaffeekranz der Deutsch-Dozentinnen mit der Schriftstellerin eingeladen und kann mit ihr persönlich ins Gespräch kommen. Wenn ein Dachauer und eine Linzerin mal wieder in Bischkek über Literatur plaudern ...

Die Lehrerinnen streiten sich um mich; jede will mich in ihre eigene Unterrichtsgruppe stecken, da sie alle die Ehre haben wollen, den Deutschen bei sich zu haben; sie verlieren den Überblick über das Stundenplan-Chaos, das sie sich selbst geschaffen haben, ständig neu erfinden und nie wirklich beherrschen. Manche Studenten sehen mich erst in meiner letzten Woche zum ersten Mal, weil die Lehrerinnen damit überfordert sind, ihnen rechtzeitig Ort und Zeit meiner Veranstaltungen mitzuteilen. Hemmungslos wird mein Stundenplan mehrfach geändert, zum Teil auch ohne mich darüber zu informieren. Dann ist mal wieder unerklärlicherweise ein Raum nicht frei. Kurz: Es herrscht große Unordnung, und die Leute scheinen sich darin wohl zu fühlen. Tröstlich ist, daß manche Studentinnen freiwillig in die Konversationsstunden anderer Jahrgangsstufen gehen, um öfter mit mir reden zu können. Insgesamt sind die Mädels und die paar Jungs davon begeistert, mich bei sich zu haben und neugierige Fragen stellen zu können. So vergehen manche Konversationsstunden mit nichts anderem als mit dem gegenseitigen Stellen von Fragen, weil einfach so ein großes beiderseitiges Interesse besteht. Auch mich bereichern die jungen Kirgisen, Kasachen und Russen, die ich als Schüler vor mir habe; auch ich kann von ihnen viel erfahren und lernen.

Bemerkenswert finde ich vor allem, daß die meisten jungen Leute hier zwar genauso in die Disko gehen wie die Deutschen, daß sie die selben Kinofilme sehen, die selbe Musik hören und sich an einem ähnlichen Schönheitsideal orientieren wie wir, daß sie aber in manchen Belangen ein völlig anderes Weltbild haben. So wird mir hier immer wieder fast fassungslos die Frage gestellt, warum in Deutschland so viele Paare unverheiratet und sogar kinderlos bleiben wollen. Für die meisten jungen Leute Kirgistans ist es absolut selbstverständlich, daß das Wichtigste im Leben eine Familie mit mindestens drei Kindern ist. Hier muß ich wirklich sagen, daß ich von dieser Haltung sehr beeindruckt bin und das Gefühl habe, daß Kirgistan in diesem Bereich Deutschland etwas voraus hat. Ein Land, wo die jungen Leute von sich aus argumentieren, daß die alten Menschen ja versorgt werden müssen und daher eine starke Familie vorhanden sein sollte (denn staatliche Rente scheint es nicht zu geben), muß wohl in mancherlei Hinsicht nicht so ängstlich in die Zukunft blicken wie ein Land, in dem es massig karrieregeile Singles gibt, die lieber dem Workaholismus frönen und ihre schwer vermittelbaren Gruftis in Altenheime abschieben als von einem reichen Kindersegen zu träumen ...

Jeder Gang durch diese Stadt holt einen aber immer schnell wieder in die bittere kirgisische Realität zurück. Die Aussagen, die ich in meinem ersten Rundbrief über Bischkek getroffen habe, kann ich nur noch einmal bestätigen. Immer wieder muß man als Deutscher einfach den Kopf schütteln, beispielsweise wegen der Kanal-Schächte, die einen oft ungesichert und unverdeckt einfach als offene Löcher auf dem Bürgersteig angähnen. Da nachts alles unbeleuchtet ist, kann man sich hier als unvorsichtiger Neuling ernste Verletzungen holen, indem man beim vermeintlich sicheren Gang auf dem Fußgängerweg einfach in ein Loch fällt. Mmmh, ich sehe förmlich vor mir, wie hier "Notruf"-Folgen gedreht werden; beim Joggen werfe ich immer einen mißtrauischen Seitenblick auf diese tückischen Grüfte und denke unwillkürlich an fleischige, offene Vielfachbrüche ... aber lassen wir das. Welches Leben übrigens in jenen Kanalisationslöchern pulsiert, kann man daran erahnen, daß man tagsüber durchaus mal auf offener Straße von einer Ratte begrüßt wird.

Ganz unverzichtbarer Bestandteil des Bischkeker Alltags sind auch zwei penetrante, immer wiederkehrende Geräusche. Erstens sind das die Buben mit ihrem pausenlosen Geböllere - es ist wirklich kaum auszuhalten: von früh bis spät, auch nachts und bei strömendem Regen sind diese armen Teufel mehr mit ihren Knallkörpern als mit Hausaufgaben beschäftigt; zweitens sind das die Diebstahlsicherungen der etwas wertvolleren Autos, die immer wieder unaufhörlich losheulen, ohne daß ein Dieb am Werk ist. Hier ist mir die deutsche Zaunmentalität mit ihrem dringenden Bedürfnis nach Ruhe direkt sympathisch.

Auch das pausenlose Gespucke der Kirgisen bleibt fremdartig. Mittlerweile habe ich festgestellt, daß sich durchaus auch die Frauen die Freiheit nehmen, hin und wieder ein bißchen Oralflüssigkeit abzulassen - was dann natürlich noch ein Stück rustikaler aussieht als bei Männern. Manchmal muß ich einfach lachen, weil um mich herum so heftig und geräuschvoll geschleimt wird, daß es einfach nur noch unwahrscheinlich ist. Man muß beim Gehen auch wirklich aufpassen, daß man nicht von entgegenkommenden Passanten was abkriegt. Irgendwann kommt aber dann doch der Augenblick, wo man auf den eigenen, schön geputzten Schuhen plötzlich fremden Speichel entdeckt ... Flüssigkeitsmangel - eine kirgisische Volkskrankheit?

Bischkek - das ist auch die wichtigste zentralasiatische Militärbasis der USA bei ihrem "Kampf gegen den Terror", das ist einer der weltweit wichtigsten Standorte von Gunter von Hagens "Körperwelten"-Perversion, und es ist nicht zuletzt auch die Stadt, in deren Nähe die Klitschko-Brüder einige Jahre ihrer Kindheit verbrachten, bevor sie in die Ukraine und schließlich nach Deutschland auszogen, um die Welt mit ihren Fäusten das Fürchten zu lehren. Vielleicht ist Letzteres gar kein Zufall, denn noch vor Fußball und Basketball diktieren vor allem Kampfsportarten das sportliche Geschehen Kirgistans. Ein Student verriet mir mit einem verschwörerischen Grinsen, daß er jede Woche zum (illegalen) "Dog Fight" gehe; andere berichteten mir von einem Nationalsport, der eine Art brutales Polo zu sein scheint: Verschiedene Reiter werfen sich einen kopf- und beinlosen Ziegenkadaver gegenseitig zu und versuchen diesen schließlich in einem Loch unterzubringen. Das nenn ich mal ein bodenständiges Sportbewußtsein!

Ein Wort zu den öffentlichen Verkehrsmitteln. Es gibt derer zwei, nämlich Troley-Busse (also Busse mit Oberleitung) und die sogenannten Marschrutkas, das sind die bereits angesprochenen Linien-Kleinbusse. Die Troley-Busse stammen dem Aussehen nach aus dem 17. Jahrhundert; es könnte sich hierbei allerdings auch um jene deutschen Busse handeln, die nach 15-jähriger Betriebszeit nicht mehr durch den TÜV kommen und nach Griechenland verkauft werden; dort werden sie dann anscheinend nach abermaligen 30 Betriebsjahren endgültig ausgemustert und nach Kirgistan verschoben ... Ich benutze aber immer die Marschrutkas, das sind in den meisten Fällen Mercedes- oder VW-Kleinbusse. Für mich ist das Fahren zwar oft eine Qual, da ich einfach zu groß gewachsen bin, um im Berufsverkehr in so einem Ding mit vielen anderen Leuten zusammen bequem stehen zu können, aber wenigstens ist es billig. Auffällig ist in Bischkek, daß erstaunlich viele Mercedes und Audis herumkurven. Das liegt wahrscheinlich daran, daß Bischkek eine Hauptstadt ist und daher viele Diplomaten und Geschäftsleute anzieht; trotzdem ist aber der Anblick so vieler anderer schrottreifer Fahrzeuge immer wieder ein Genuß.

Meine zweite offizielle Hauptbeschäftigung neben den Konversationsstunden in der Uni ist der Russisch-Unterricht. Es ist die erste slawische Sprache, mit der ich mich beschäftige, und bietet daher viele interessante Aha-Erlebnisse für mich. Besonders auffällig finde ich den ganz eigenen Klang des Russischen, der nur schwer zu erlernen ist. Will man auch nur annähernd in die Klangwelt dieser Sprache einsteigen, muß man sich vom starren Schriftbild lösen und ein gewisses Gefühl entwickeln - ähnlich wie beim Deutschen, bei dem man ja auch viele Wörter nicht entsprechend dem Schriftbild Buchstabe für Buchstabe aussprechen darf. Fremdartig muten die vielen Wörter an, die nur aus einem einzigen Konsonanten bestehen, wie z. B. "k" oder "s". Nett sind auch die vielen Wörter, die das Russische aus dem Deutschen übernommen hat, z.B. Kurort, Strafe, Maßstab, Großmeister, Möbel - sie sind in fast unveränderter Form fester Bestandteil der russischen Sprache. Und kommt nicht vielleicht "Marschrutka" (die Kleinbusse) von der "Marschroute"??? Hmmm ...

Wie das Deutsche und das Griechische hat übrigens auch das Russische die relativ seltene Eigenschaft, drei Geschlechter zu besitzen, allerdings keine Artikel! Dieses Fehlen der Artikel in der russischen (wie nebenbei auch in der kirgisischen) Sprache schlägt sich natürlich köstlichst in dem Deutsch nieder, das man hier zu Ohren bekommt. So kreierte meine Russisch-Lehrerin bei der Übersetzung der "Bremer Stadtmusikanten" einmal folgenden Satz: "Hund hat auf Rücken von Esel gesprungen." Doch auch andere sprachliche Lacher jeder Art entstehen natürlich im Sprachdreieck Deutsch - Russisch - Kirgisisch, so z. B. die Stilblüte einer Studentin, die einmal in einem Text das Wort "Überseefahrgastschiff" schuf - naja,  "Langstreckenflugzeug" wär's gewesen ... Interessant ist auch, daß ein "h" in fremdsprachigen Begriffen und Eigennamen im Russischen oft zum "g" wird. So fährt ein Russe nach Tegeran, spielt Gandbol, ißt Gamburger, strebt nach Garmonie und liest ein Buch über Adolf Gitler ...

A propos Gitler: Selbst Studentinnen, die aus der kirgisischen Provinz kommen, wissen relativ gut Bescheid und assoziieren Dachau mit dem Begriff "Konzentrationslager". Spannende Momente habe ich erlebt, als mich so eine Studentin fragte, ob "es da heute auch noch so was gebe". Durch die Übersetzungshilfe einer anderen Studentin klärte sich aber schnell auf, daß sie nur wissen wollte, ob das KZ als bauliche Substanz, z. B. als Gedenkstätte, heute noch existiert, und nicht, ob wir in Deutschland noch alle Nazis sind. Nein, dieses Bildungsniveau hat Kirgistan den USA dann doch voraus ...

Seid mir nicht böse, aber ein Hinweis auf das Wetter scheint mir unvermeidlich. Ich kann es kaum fassen, aber hier herrscht fast nur das schönste Herbstwetter. Ich hatte eigentlich damit gerechnet, daß mich spätestens Ende November der quasi-sibirische Winter erwischt, aber Pusteblume! Zwei Wochen wolkenlosestes Traumwetter habe ich hinter mir; ab und zu ist mal ein regnerischer Tag dabei, aber das ist wirklich die seltene Ausnahme. Und von Schneeflocken keine Spur ... Anscheinend begreifen die Kirgisen nicht so ganz, daß der Winter noch nicht eingekehrt ist. Sie packen sich dick in Mäntel ein und gaffen mich dann an, wenn ich gutgelaunt und genießerisch im T-Shirt herumlaufe, durchaus auch mal nachts am 24. November. Weicheier? Fast täglich fragt mich jemand, ob es mir nicht zu kalt sei - bisher mußte ich immer entrüstet verneinen. Erst jetzt, in der letzten Woche meiner Reise, ist es endgültig mit dem herbstlichen Sonnenschein vorbei; die Tage sind grau und regnerisch.

Es lohnen sich auch einige Bemerkungen über Religion und Glaube. Wie schon erwähnt, leben ja in Bischkek Christentum und Islam bemerkenswert spannungsfrei nebeneinander. Insgesamt gilt jedoch für Kirgistan das gleiche wie für andere zentralasiatische Staaten: Der Islam ist mächtig auf dem Vormarsch. Gab es 1989 noch 15 Moscheen in ganz Kirgistan, so sind es 15 Jahre später bereits über 2500! Besonders bei jungen Menschen, die in armen Verhältnissen leben, finden radikale Gruppierungen Zulauf. Vorwiegend sind solche Entwicklungen in Südwest-Kirgistan festzustellen; im nördlich gelegenen Bischkek herrscht durch die Präsenz der weltlichen Staatsmacht ein eher weniger brisantes Klima. Auch was territoriale Fragen betrifft, ist der stark gebirgige und in der Grenzziehung zu Usbekistan und Tadschikistan unübersichtliche Südwesten des Landes ein Konfliktherd. So gibt es z. B. in einem kirgisischen Gebirgstal eine zum Staat Usbekistan gehörende Enklave, die aber größtenteils von Tadschiken bewohnt wird ... Aua! Schließlich macht auch die Grenze zu China Probleme: Vor einigen Jahren verursachte eine Abtretung von Gebirgsterritorium an China eine innenpolitische Krise in Kirgistan, die im Sturz der Regierung gipfelte. Soviel zum Thema "Lebensraum im Osten" ...

Kirgistan ist zwar ein überwiegend muslimischer Staat, das heißt, die meisten Kirgisen sind Muslime, aber der Staat an sich ist extrem laizistisch, also offiziell alles andere als religiös. Sehr interessant ist, daß in Kirgistan der Sonntag eine gewisse Bedeutung als freier Tag der Woche hat, obwohl das Land ja überwiegend muslimisch ist und daher der Freitag der Ruhetag Nummer 1 sein müßte. Die Geschäfte haben aber sieben Tage pro Woche geöffnet, zum Teil sogar rund um die Uhr. Eine ganz seltsame Beobachtung, die ich in dem Dorf am Issyk-Kul gemacht habe und die mir auf mein Nachfragen auch bestätigt wurde, ist folgende: Es ist in vielen Familien üblich, nach dem Essen, wenn man vom Tisch aufsteht, mit einer weit ausholenden Bewegung wie zum Gebet die Hände zu falten und dann "Omin" (=Amen) zu sagen. Das praktizieren übrigens in erster Linie die Muslime ... Süß ist auch, wenn man in einer Statistik liest, daß es in Kirgistan 70% Muslime gebe, der Rest seien "andere". Gut, sind halt dann doch über 20% Christen ...

Ganz abgesehen von der Religion kann man in Kirgistan diverse ethnische Gruppierungen unterscheiden. Hauptsächlich leben hier (turkstämmige) Kirgisen, es gibt aber sehr große "Minderheiten" von Russen, Kasachen, Usbeken, Uiguren, Deutschstämmigen ... Das Verhältnis zwischen Kirgisen und Kasachen scheint freundlich zu sein, denn die Sprachen Kirgisisch und Kasachisch sind ähnlich, die wichtigsten Städte Bischkek und Almaty liegen nah beieinander, und überhaupt herrscht ein reger Verkehr und Austausch zwischen diesen beiden Staaten. Mit den Russen ist es sehr interessant, denn sie stellen eine sehr große "Minderheit" in Kirgistan dar, und Russisch ist neben der Staatssprache Kirgisisch die wichtigste Verkehrssprache. Einige Russen, die hier wirklich einheimisch sind und auch den kirgisischen Nationalfeiertag begehen, können kein Kirgisisch und fühlen sich oft ausgegrenzt; alle wichtigen Ämter werden von Kirgisen besetzt, obwohl den Russen gemäß ihrem Bevölkerungsanteil auch ein gewisser Prozentsatz zustünde. Es ist unvermeidlich, daß bei dem Zusammenleben so unterschiedlicher Völker wie Russen und Kirgisen Spannungen entstehen, und daß die einen z.B. mal einen abfälligen Spruch gegen die anderen hören lassen. Aber das selbe gibt es ja in Großbritannien mit Schotten und Engländern, sogar in Deutschland mit Preußen und Bayern, und noch in vielen anderen Ländern, ohne daß es ein wirklich akutes Problem wäre. Letztendlich ist es äußerst erfreulich, wie z. B. an der Uni kirgisische, russische und orientalisch-südländisch aussehende Studenten miteinander befreundet sind und eine grundsätzlich friedliche Stimmung in diesem Vielvölkerstaat herrscht - zumindest in Bischkek.

Schließlich hatte ich noch ein ganz nettes Erlebnis, das mit der Religion zu tun hat; ich habe nämlich einen Gottesdienst der internationalen Kirche in Bischkek besucht. Durch meine Schweizer Freunde wurde ich darauf hingewiesen und durfte mir dieses Erlebnis natürlich nicht entgehen lassen. In einem schmucklosen Raum treffen sich da Menschen aus aller Welt, Engländer, US-Amerikaner, Schweizer, Australier usw. und feiern zusammen in englischer Sprache einen (protestantischen) Gottesdienst. Was für ein Erlebnis, in dieser fremden, asiatischen Stadt auf einmal im Mittelpunkt einer christlichen Gemeinde zu sein und all die   "internationalen", fröhlichen Gesichter zu sehen! Auf einmal ist man nicht mehr fremd, sondern ein weiterer bunter Baustein in einem vielfältigen Gebäude; ja, man könnte ohne weiteres sagen: Das ist praktiziertes Christentum, eine Gemeinschaft in der Fremde, die sich gegenseitig Mut macht, sich unterstützt und zusammen feiert. Viele der hier anwesenden Personen arbeiten für irgendeine Organisation und halten sich oftmals zwei, ja bis zu zehn Jahre hier in Bischkek auf! Was hätten all die Leute zu erzählen, die hier versammelt sind, welche Geschichten von Heimweh, Abenteuern und menschlichen Begegnungen könnte man von ihnen hören! Der Mann, der die Liedtexte an die Wand projiziert, ist aus Singapur; ich bin heute der Vertreter Deutschlands, aber der größte Paradiesvogel ist sicherlich der schottische Pastor, der in härtestem Schottisch über den Apostel Paulus predigt ... Oh Mann, wo bin ich hier?

Ja, da kommen Diaspora-Gefühle auf, und auch bei einem weiteren Erlebnis hat sich dies bestätigt: Ich besuchte noch einen anderen Gottesdienst, noch freier, noch unliturgischer als der erste und mit toller Livemusik; er fand in einem Theater statt, wurde in russischer Sprache abgehalten und war größtenteils von kirgisischen Christen besucht. Hier gab es keine Rituale, sondern nur offen gezeigte Freude. Ja, da kann einem klar werden, daß hier etwas Weltumspannendes am Werk ist, etwas, was Völker und Nationen vereint, eine gemeinsame Begeisterung, die alle sprachlichen Barrieren überschreitet ... Ach ja, die Sprachbarrieren: In beiden Gottesdiensten war auch eine Übersetzerin aktiv, die aus dem Englischen bzw. dem Russischen in die Gebärdensprache übersetzte.

Um das Thema Religion abzuschließen, möchte ich einen einmal mehr wunderschön amüsanten Satz zitieren, den mir eine kirgisische Studentin auf Deutsch sagte: "70 Jahre lang hatten wir keine Religion, da waren wir frei." Dieser Satz ist an sich schon köstlich (bzw. bestürzend), wenn man daran denkt, daß es ja gerade das Ziel der Religion ist, den Menschen frei zu machen; richtig würzig wurde er aber erst dadurch, daß mit den "70 Jahren Freiheit" das Sowjet-Regime gemeint war ...!

Ich möchte meinen Aufenthalt hier in Bischkek insgesamt nicht überbewerten. Ihr sollt durch all meine merkmürdigen Berichte nicht den Eindruck erhalten, daß ich hier weitab von aller Zivilisation, quasi in einem Erdloch oder hinter dem Mond mein Dasein friste. Bei aller "Krassizität" Bischkeks - und es gibt tatsächlich viele Momente, wo ich einfach nur den Kopf schüttle und es genieße, mich einfach nur an so einem "extremen" Ort zu befinden - ist doch auch vieles "normal" und gewohnt. Auch die Kirgisen dürfen im Radio Britney Spears hören, auch sie können sich am Kiosk den Playboy oder die Bravo kaufen, auch hier trinkt man Coca-Cola, sieht "Wer wird Millionär?" im Fernsehen, kennt Oliver Kahn und den FC Bayern und lädt sich aus dem Internet die neuesten Hollywood-Schinken runter. Von daher bin ich von unserer westlichen Kultur (ist es eigentlich "unsere", oder wurde sie uns von außen aufgezwungen? [bzw. ist es überhaupt "Kultur"?]) durchaus nicht komplett abgeschnitten, sondern bin weiterhin in ihrem Einflußbereich, wenn auch zugegebenermaßen sehr am Rande.

Was ich sagen möchte, ist, daß es auf der Welt einfach viele, viele Orte gibt, an denen man viel weiter von zuhause weg wäre (nicht nur, was die Kilometer anbelangt), an denen man viel einsamer wäre und auf viel mehr Gewohntes verzichten müßte. Für mich persönlich ist Bischkek sicherlich eine neue Dimension, aber nur zu leicht ließen sich im Atlas tausend Orte finden, die wiederum eine Steigerung darstellen würden. Potential für die Zukunft? Wer weiß, vielleicht ist es für mich in Zukunft auch gar nicht mehr wichtig, möglichst weite und extreme Reisen zu unternehmen. Auch zuhause lassen sich Abenteuer erleben, auch daheim sollte das Leben spannend sein ... Jedenfalls hätte ich große Lust, im Sommer hierher zurückzukehren, denn ein schöneres und preiswerteres Urlaubsziel, das Baden und Berge auf so phantastische Weise vereint, finde ich so schnell nicht wieder.

Noch einmal werde ich mich in die phantastische Welt der Bazare werfen und das laute, farbige Treiben auf den großen Bischkeker Märkten genießen, und schon ist der Tag X gekommen, da ich innerhalb weniger Sekunden der kirgisischen Welt wieder entschweben werde. Dann wird noch eine Geduldprobe in Form der zwölf Stunden auf mich zukommen, die ich am Moskauer Flughafen absitzen muß, ohne selbigen verlassen zu dürfen; schließlich geht es dann endgültig nach Hause.

Jetzt, da sich die Reise ihrem Ende zuneigt, werden alle Erfahrungen intensiver, man erlebt jetzt alles im Hinblick auf das nahende Ende, kostet aus, genießt, wo es möglich ist. Die Einladungen, die man mir entgegenbringt, häufen sich, auch die Bittsteller, die von mir Hilfe erwarten, werden mehr; alles strebt einem fixen Endpunkt entgegen, alles ballt sich jetzt, kulminiert, und erzeugt fast ein Gefühl, das ich im heimischen Kontext "Streß" nennen würde. Ich kann es kaum glauben, daß die fünf Wochen schon fast wieder um sind. Die Gedanken an meine Ankunft hier, als ich nach durchreister Nacht in der Morgendämmerung vom Flughafen über eine schnurgerade Straße die 30 Kilometer durch die tellerflache Ebene nach Bischkek gefahren bin, sind einerseits noch frisch, andererseits aber bereits verklärt. Ich vermute, daß all die Spannung, die sich jetzt am Ende noch aufbaut, beim Antreten der Rückreise oder spätestens bei der Ankunft in München schlagartig verpufft; daß ich mich auf einmal in einer völlig anderen, seltsam vertrauten Welt wiederfinden werde und daß in meiner Erinnerung ein wenn auch nicht traumatisches, aber doch traumartiges Erlebnis, ein November in Kirgistan, zurückbleibt - verschwommen, geheimnisvoll, schwer nachvollziehbar.

Und wenn dann das Zuhause wieder verinnerlicht, die alte Ordnung wiederhergestellt ist, dann ist die Zeit gekommen, um sich zu erinnern, um wieder und wieder über all die eindrucksvollen erlebten Momente zu schmunzeln, und irgendwann, bald, vielleicht schon morgen, werden neue Träume wach, tauchen neue Ziele am Horizont auf, der Blick schweift wieder in die Ferne ...

Euch allen aber wünsche ich, ob zuhause oder weit weg, einen schönen und erlebnisreichen Winter!

Bis zum Wiedersehen, Euer J.

 

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