Ein fremdes Land, ein hoher Berg ...

Auf eigene Faust in den Iran

 

Sonntag, 10. August:

Seit Monaten bin ich voller Spannung und Vorfreude, einmal ein völlig anderes Land auf eigene Faust kennenzulernen: Den Iran. Meine geringen Persisch-Kenntnisse will ich anwenden, ins Stadtleben von Teheran eintauchen und vor allem in den Bergen unterwegs sein - das Ganze wohlgemerkt allein und im zarten Alter von 21 Jahren. Ganz oben auf der Wunschliste steht der Damâvand, 5671 m hoch und damit höchster Gipfel des Iran. Am späten Nachmittag besteige ich zunächst einmal das Flugzeug, das mich nach Teheran und damit zum ersten Mal in einen anderen Kontinent bringen soll. Bezeichnenderweise trägt die Maschine den Namen "Weißmies" - dieser Berg in den Walliser Alpen war mein letzter Viertausender, Jahre ist das her. Wenn alles klappt, werde ich schon bald diese Höhe bei weitem überbieten.

 

Montag, 11. August:

Es ist noch stockdunkel, als das Flugzeug am Ende der Nacht zur Landung ansetzt. Teheran meldet um diese Uhrzeit 31° C; damit weiß ich schon, mit welchen Temperaturen ich in der Mittagshitze zu rechnen habe. Farhâd, ein Bekannter meiner Persisch-Lehrerin, der in Teheran zusammen mit seinem alten Vater lebt, holt mich vom Flughafen ab und gewährt mir für die nächsten zwölf Tage Unterkunft. In der Morgendämmerung fahren wir zu seiner Wohnung, und ein erstes Mal komme ich in Kontakt mit dem Teheraner Straßenverkehr, dem üblen Zustand der meisten Autos und Straßen und dem allgemein fremden Aussehen der Stadt. Schnell wird klar, daß die für meine Begriffe schon bedenkliche Lage des griechischen Verkehrs, das Schlimmste, was ich in dieser Hinsicht bisher erlebt habe, hierdurch bei weitem übertroffen wird. Am Horizont, weit hinten, steht der Damâvand; zum ersten Mal bekomme ich meinen Traumberg wirklich zu Gesicht. Besondere Minuten sind das, denn tagsüber wird der Smog über der Stadt zu dicht, um weiter als ein paar Kilometer sehen zu können. Ich bekomme ein Zimmer zur Verfügung und hole erst einmal den Schlaf der durchwachten Nacht nach. Am Nachmittag stürze ich mich dann ein erstes Mal ins Abenteuer und ziehe mit meinem Fotoapparat los. Ich nehme ein Taxi in die Innenstadt und werde vom Fahrer auf Englisch vollgeredet - ein netter Mann, doch leider etwas verwirrt, was folgender Satz vermuten läßt: "I think, Hitler was a good man, because he tried to put honest on war". Was bleibt mir übrig, als mich schließlich freundlich von ihm zu verabschieden - Belehrungen hätten da nicht den geringsten Sinn. Zu Fuß geht es weiter, und ich lerne schnell, daß das Überqueren größerer Straßen eine bestimmte Technik sowie Mut erfordert. Ampeln oder Zebrastreifen gibt es nur sehr spärlich, und die wenigen existierenden haben meist keinerlei Bedeutung. Grundsätzlich läuft der Straßenverkehr hier nach dem "Prinzip der vollendeten Tatsachen" ab: Wer in irgendeine Straße einbiegen will, tut dies einfach und zwingt damit den Hauptstrom des Verkehrs zum Bremsen, und sei die Gasse, aus der er kommt, noch so untergeordnet. Auch Fußgänger richten sich nach diesem Prinzip und wagen sich einfach auf größere Straßen, auf denen zahlreiche Autos und Motorräder zügig vorbeibrausen - diese werden schon bremsen, bevor es zum Zusammenprall kommt. Für deutsche Verhältnisse ein unglaubliches System, aber es scheint zu funktionieren. Ich integriere mich und habe bald herausgefunden, wie man einfach die Straßen betritt, sich durch den Verkehr schlängelt und die Fahrzeuge z. T. wenige Zentimeter an sich vorbeibrausen läßt. Ich wandere durch ein Marktviertel; alle schauen mich an, als hätten sie noch nie einen Ausländer gesehen, und extrem viele neue Eindrücke strömen auf mich ein. Allein schon durch die vielen Schilder in der fremden persischen Schrift und die verhüllten Frauen ist das ganze Straßenbild ein völlig anderes, als ich es gewohnt bin. Als ich an einer Imbißbude ein Getränk kaufe, spricht mich ein Iraner mit "Michael Ballack" an und zählt daraufhin weitere Spieler des FC Bayern auf. Um ihm eine Freude zu machen, ziehe ich meinen FC-Bayern-Brustbeutel heraus und nenne meinerseits einige Spieler - eine seltsame Kommunikation, die aber irgendwie Sympathie schafft  und  ein  bißchen die  hier  erstmals erkennbare  tiefe  Sehnsucht eines  wahrscheinlich  an  sein Land gefesselten Menschen nach westlichen Kulturgütern befriedigt. Schließlich bittet er mich, auf einem Zettel als Michael Ballack zu unterschreiben, und ich erfülle ihm seinen Wunsch, ohne zu verstehen, was er damit bezwecken will. Weiter geht's durch die verschmutzte Riesenstadt; vom vorbeifahrenden Mofa brüllt mir einer die Frage zu, woher ich komme. In einem Park verschnaufe ich und werde bald von einem älteren Iraner auf Englisch angesprochen und mit dem klassischen Fragekanon konfrontiert: Name, Herkunft, Dauer des Aufenthalts, allein oder in einer Gruppe, habe ich auch schon Isfahan besichtigt? Er freut sich über meine bergsteigerischen Pläne und erzählt, er selbst habe in früheren Jahren alle wichtigen Berge des Iran bestiegen. Spontan beschließt er, zu meiner für morgen geplanten Tour auf den Teheraner Hausberg mitzukommen. Er lädt mich zu sich nach Hause ein, was ich voller Spannung annehme. Schon am ersten Abend ein Beispiel iranischer Gastfreundschaft! In mehreren Teilstücken geht's mit günstigen Sammeltaxen zu seinem Haus. Eine orientalisch eingerichtete Wohnung voller Teppiche erwartet mich; freundlich werde ich von seiner Familie begrüßt und bewirtet. Im Laufe des Abends treffen noch mehrere Gäste ein, und es entwickeln sich wunderbare Gespräche. Erst spät in der Nacht endet dieser erste Tag im Iran, der für mich so viel Neues geboten hat wie selten ein Tag zuvor.

 

Dienstag, 12. August:

Um vier Uhr morgens weckt mich mein Gastgeber auf. Wortlos steigen wir in sein klappriges Auto und fahren zum nördlichen Stadtrand, wo gleich die Berge beginnen. Unser Ziel, der Tochâl, ist mit 3962 m der höchste Gipfel in der ganzen Umgebung und mit über 2000 Metern Höhendifferenz zu Teheran ein nicht zu unterschätzender Brocken. Es führt zwar in sechs Teilstücken die längste Seilbahn der Welt bis fast auf seinen Gipfel, doch wir wollen den Aufstieg aus eigener Kraft schaffen. In der Morgendämmerung absolvieren wir die ersten Höhenmeter, und bald ist uns ein schöner Blick über die Stadt vergönnt. Über Fahrstraßen führt unser Aufstieg, wenig spektakulär, unschön, aber ich hoffe auf den Gipfel und habe Spaß beim Gehen - schließlich hat man ja nicht alle Tage die Gelegenheit, von einem alten Iraner auf einen Berg geführt zu werden, den dieser im übrigen schon über hundert Mal bestiegen hat. Die Hitze setzt meinem Begleiter, von dem ich nicht einmal den Namen weiß, ziemlich zu, und er beschließt, bei einer der Seilbahnstationen, etwa auf halber Höhe, auf mich zu warten. So gehe ich allein weiter und schlage ein etwas schnelleres Tempo an. Nach einiger Zeit hole ich eine Gruppe von Wanderern ein; es ist eine belgische Gruppe, mit der ich mich ein bißchen unterhalte. Dann ziehe ich wieder alleine weiter und erreiche wenig später den Gipfel. Es ist mein bisher dritthöchster, und ich spüre die Höhe an meiner Atemfrequenz. Zu gern würde ich einige Stunden hier oben verbringen, um meinen Körper an die dünne Luft zu gewöhnen, aber mein iranischer Freund wartet ja unten auf mich. Wenigstens ein paar Minuten genieße ich die Aussicht und bin von den fremdartigen Bergen hier fasziniert: Wie gigantische braune Wellen liegen sie da, die sanften Riesenkuppen der sandigen, trockenen Gebirgszüge. Wenn das Auge nach Osten blickt, sieht es einen erdfarbenen Horizont aus Drei- und Viertausendern, darüber ist diesige Luft, das Auge sucht orientierungslos, dann erst wird überraschend klar: Weit über den anderen Gebirgsketten, über einem Streifen Himmel, da ist er: Der Gipfel des Damâvand! Alles überragend, unerreichbar fern und hoch. Werde ich ihn besteigen können? Eine Frage, die mich in den nächsten Tagen noch beschäftigen wird. Nun muß ich jedoch wieder absteigen, verlasse den müllüberladenen Gipfel mit seiner Biwakschachtel am höchsten Punkt und rutsche im Schutt nach unten. Bald werde ich von einem alten Lkw mitgenommen, spare mir so ein paar Hundert Höhenmeter und kann in Sekundenschlaf verfallen. An der Seilbahnstation steige ich aus, treffe meinen Bergkameraden und erzähle vom Gipfel. Gemeinsam nähern wir uns nun in der staubigen Mittagshitze dem Tal. Es schließt sich uns ein Iraner an, der in Berlin lebt und mit dem ich Deutsch sprechen kann. Die Sprache - ein kleines, wohltuendes Stück Heimat ... Dann erreichen wir wieder den Lärm und den Rauch Teherans, ich mit sonnenverbrannten Armen. Ich werde bis zu Farhâds Haus gefahren; mein iranischer "Bergführer" verabschiedet sich von mir, und wir hoffen beide, daß wir uns bald im Park wiedersehen.

 

Mittwoch, 13. August:

Es wird Zeit, den Bâzâr-e Bozorg, den großen Bazar Teherans und möglicherweise größten der Welt, zu besichtigen. Farhâd nimmt mich mit und zeigt mir einen kleinen Teil dieses gigantischen Treibens. Es ist nicht ganz so, wie ich es mir mit meinen orientalischen Klischees vorgestellt habe - z. B. gibt es so gut wie keine Gewürzhändler -, aber es ist dennoch ein wildes Durcheinander, ein Gedränge und Geschreie; Lastkarren werden gezogen, Stoffe befühlt, kurz: Auf mehreren Kilometer Länge werden in vielerlei engen Gäßchen Waren aller Art umgesetzt. Farhâd muß noch andere Dinge erledigen, darum streife ich schließlich allein herum. Ich werde zweimal in einen Teppichladen gelockt, wo mir alle möglichen wunderschönen "Perser" gezeigt und schmackhaft gemacht werden. Das also ist das Epizentrum dieser weltweit berühmten Teppichqualität! Es fällt mir schwer, den Herrschaften klarzumachen, daß ich jetzt keinen Teppich kaufen kann und wieder gehen muß. Sie tun mir irgendwie leid, aber das ist ja wahrscheinlich gerade ihre Strategie, und man darf sich von ihrem Geschwätz nicht einlullen lassen. Nach dem Bazar bin ich körperlich so geschafft, daß ich so schnell wie möglich wieder meine Unterkunft ansteuern will, und nehme die moderne U-Bahn. Ich bin positiv überrascht, wie neu, zuverlässig und vor allem wie billig die U-Bahn zu sein scheint. Ungewohnt ist die Geschlechtertrennung: Frauen sitzen und stehen ausschließlich im vorderen Zugteil, Männer im hinteren; genau wie es die Regierung will: Unverheiratete und nicht miteinander verwandte Personen unterschiedlichen Geschlechts dürfen in der Öffentlichkeit soweit möglich keinen Kontakt miteinander haben. Nach dem wohltuenden Nachmittagsschlaf ziehe ich ein weiteres Mal los; Ziel ist der Borj-e Meydân, der vierthöchste Turm der Welt, zu dessen Aussichtskanzel man hochfahren kann. Die Taxifahrt durch das wie üblich staubelastete Teheran dauert jedoch zu lange, um den Sonnenuntergang vom Turm noch miterleben zu können; daher disponiere ich um und lasse mich ins nördliche Stadtviertel Tadschrisch fahren. Beim Aussteigen fragt mich der Taxifahrer noch routinemäßig, ob ich seine Tochter nach Deutschland mitnehmen könne - eine verzweifelte Frage, dessen negative Antwort ihn natürlich nicht überrascht. Hier zeigt sich einmal mehr, wie sehr die meisten Iraner an der Situation in ihrem Land leiden und wie gern sie ins vermeintliche Paradies Deutschland (oder grundsätzlich in die westliche Welt) fliehen würden. Zu Fuß streife ich ein bißchen durch die Straßen, kaufe dieses und jenes zu Spottpreisen und bin spätabends wieder "zuhause".

 

Donnerstag, 14. August:

Am Vormittag fahre ich wieder mit dem Taxi in die Innenstadt und hoffe, meinen iranischen Bergfreund vom Tochâl noch einmal im Stadtpark zu treffen, wie wir es vereinbart haben. Leider ist er nicht da, jedoch andere alte Iraner, die sich freuen, mich ein bißchen ausfragen zu können. Ist jemand in der glücklichen Lage, etwas Englisch sprechen zu können, zögert er meistens nicht, es an mir auszuprobieren. Spricht er nur Persisch - und das trifft auf die meisten zu - freut er sich umso mehr, daß auch ich ein wenig Persisch kann. Ich möchte die Gelegenheit nutzen und mir ein paar Museen anschauen, und so besuche ich das Alterskunde- sowie das islamische Museum. Wertvolle, echt beeindruckende Kunstschätze gibt es zu bestaunen, aber freilich ist es auch sehr ermüdend, durch die grauen Hallen zu spazieren und sich auf die Ausstellungsstücke zu konzentrieren. Die allgemein schlechte Luftqualität und die Hitze dieser Stadt tun ihr übriges. So bin ich ganz froh, als ich mit den Museen fertig bin und wieder in Richtung Bett fahren kann. Diesmal nimmt mich statt eines Taxis ein Mofafahrer mit, und ich erlebe eine wahnwitzige Fahrt, die ich nie vergessen werde: Absolut kühn steuert der Typ sein kleines Zweirad durch das Verkehrschaos, weicht bei Bedarf auf die Gegenfahrbahn aus und scheint keine Angst zu kennen. Es ist das genaue Gegenteil von defensivem Fahren, und nicht nur einmal sind es wenige Zentimeter, die mich von anderen Fahrzeugen trennen, welche seitlich unsere Linie kreuzen und oft im letzten Moment bremsen. Ich bin zu überrascht, um mich zu fürchten; stattdessen grinse ich nur wegen des frappierenden Gegensatzes zwischen dem deutschen und dem iranischen Straßenverkehr. Nach dem Nachmittagsschlaf breche ich ein weiteres Mal zu Fuß auf, da ich unter anderem noch Postkarten besorgen will. Eines von vielen Motiven, das mir eines Fotos würdig erscheint, ist das Straßenschild der Khiâbân-e Ebn-e Sinâ, der Ibn-Sina-Straße, und ich fotografiere es; ein Fehler, wie sich nach wenigen Sekunden herausstellt. Denn just hinter diesem Straßenschild befindet sich eine Polizeistation, und die Polizisten, die mich beim Fotografieren beobachtet haben, denken, ich hätte das Polizeigebäude abgelichtet. Es beginnt ein makaberes Kapitel iranischer Polizeimethoden, und ich naiver Tourist muß es ausbaden. Ich werde ins Innere des Gebäudes geholt, in verschiedene Räume geführt. Man nimmt mir Fotoapparat und Ausweis ab; Beteuerungen meinerseits, ich hätte wirklich nur das Schild fotografiert, fruchten nicht. Man stellt mir Fragen, teilweise in schlechtem Englisch, teilweise auf Persisch. Ein junger Polizist will mir Mut zusprechen, indem er meint, ich als Deutscher sei Arier, sie selbst seien Arier, also seien wir Freunde. Eine grotesk anmutende Argumentation, mit der ich jedoch hier im Iran nicht nur einmal konfrontiert werde. Zeit vergeht. Immerhin behandelt man mich relativ freundlich, bietet mir Tee an, freut sich darüber, daß ich die Namen der iranischen Fußballspieler, die in Deutschland spielen, aufzählen kann - Notbehelfe, die aber durchaus die Situation entkrampfen. Schließlich werde ich per Polizeistreife in ein anderes Stadtviertel, zu einer anderen Polizeistation gebracht und dort weiter verhört. Ohne meine Persisch-Kenntnisse wäre keine Kommunikation möglich. Letztendlich behalten sie Ausweis und Fotoapparat da, vertrösten mich auf übermorgen und schicken mich weg. Gut, daß ich Geld fürs Taxi dabeihabe und relativ schnell wieder zu Farhâd zurückkehren kann. Ihm beichte ich die ganze Story; gottseidank nimmt er es gelassen und amüsiert sich sogar über die Angelegenheit. Sofort fährt er mit mir wieder zur Polizei, um die Sache zu klären, doch natürlich ist da heute nichts mehr zu machen. Ich muß mich bis übermorgen gedulden und hoffen, daß der Zwischenfall nichts weiter als ein dummes Mißverständnis bleibt.

 

Freitag, 15. August:

Mein ursprünglicher Plan für heute wäre ein Biwak auf dem Tochâl, aber da ich morgen früh bereits um acht Uhr wieder zur Polizei muß, ist dieses Vorhaben nicht realisierbar. Wenigstens heute will ich in den Bergen unterwegs sein und beschließe, einfach noch eine Tagestour auf den Tochâl zu machen und abends wieder abzusteigen. Am späten Vormittag gelange ich per Taxi nach Darband, dem nördlichen Vorposten Teherans, der weit in ein Bergtal hineinreicht und ein Komplex von Restaurants, Kabâb-Grillereien und Wasserpfeifenstationen ist. Heute ist Freitag, also Feiertag. Tausende Teheraner, vorwiegend junge Leute, nutzen ihren freien Tag, um einen Ausflug ins Gebirge zu machen und sind hierher gekommen. Auf dem schmalen, rutschigen Fußweg taleinwärts drängen sich Massen; oft bin ich zum Stehenbleiben gezwungen, weil eine entgegenkommende Menschenschlange ein Nadelöhr verstopft. Von Erholung in den Bergen kann hier keine Rede sein; es wird gerufen, gedrängelt und geschoben, und viele haben sogar extra einen Kassettenrekorder dabei, um den Lautstärkepegel noch weiter anzuheben. An müllbelasteten Bachläufen werden auf kleinstem Raum Familienpicknicks veranstaltet. Ich bin angewidert von diesem Massentreiben und verstehe nicht, warum die Leute alle die Nähe des Berges suchen, wenn sie sowieso nicht auf Einsamkeit und Ruhe, sondern nur auf Lärm, Geselligkeit, Action aus sind. Haben die meisten von ihnen eine grundsätzlich andere Einstellung zum Berg? Möglich, denn auch am Beispiel des Umweltbewußtseins ist ganz klar zu erkennen, daß ein Unterschied zu Deutschland besteht; ein allgemeines Bedürfnis, die Natur nicht zu verschmutzen, ist im Iran noch nicht in vielen Köpfen verankert - dementsprechend viel Müll liegt überall in der Landschaft herum, nicht nur hier am Berg. Ich bin froh darüber, daß man mir die Sorge für die Umwelt ein Stück weit anerzogen hat und daß ich nicht auf Freizeiterlebnisse im lauten Gedränge angewiesen bin, sondern die Freiheit habe, allein auf einen Gipfel zu steigen. Geduldig schiebe ich mich durch die Gassen und erreiche irgendwann das Ende des "Vergnügungspfades". Mit einem befreiten Gefühl kann ich nun mein eigenes Gehtempo bestimmen und tauche mehr und mehr in eine richtige, unverbaute Gebirgswelt ein; das Tal mit seinem hektischen Gewusel bleibt zurück. Es ist sehr heiß, aber ich bin topfit und motiviert. Diese Tour soll schließlich die letzte Vorbereitung für den Damâvand sein! Sehr zügig steige ich auf und bin bald wieder von der eigentümlichen Schönheit des Berges begeistert. Entsprechend dem heutigen Feiertag sind viel mehr Bergsteiger unterwegs als letzten Dienstag, aber ich lasse mich davon nicht stören; größtenteils sind es wohl Gleichgesinnte, die selbst der Rastlosigkeit des Tals entfliehen wollen. Nur gut drei Stunden, nachdem ich die Häuser von Darband hinter mir gelassen habe, sind die 2200 Höhenmeter überwunden, und ich nehme erschöpft am sonnigen Gipfel Platz. Ein Energieriegel und ein kleines Schläfchen geben mir wieder Kraft zurück, und ich richte mich für einige Stunden hier oben ein. Mit ein bißchen Persisch-Lernen vergeht die Zeit; irgendwann komme ich mit einem älteren Iraner ins Gespräch. Er spricht weder Englisch noch Deutsch, aber trotzdem können wir uns ein wenig unterhalten, wobei einmal mehr der Damâvand das Thema ist, dieser Berg, auf den fast jeder Iraner stolz ist und den auch die meisten selbst gern besteigen würden. Im Inneren der Biwakschachtel kommt eine gesellige Runde zustande, wobei ich wieder einmal der einzige Nicht-Iraner bin, aber natürlich als vollwertiges Mitglied freundlich integriert werde. Im Laufe der Stunden dünnt sich das Gipfelpublikum drastisch aus, und wir sind nur noch zu fünft da und haben unseren Spaß. Tee wird gekocht, Speisen großzügig verteilt. Bald ist es Zeit für den Abstieg, und während die anderen vier schon nach unten stolpern, genieße ich noch ein paar Minuten allein. Wie schön ist es, im warmen Licht des frühen Abends hier oben zu stehen und hinunterzuschauen auf die große Stadt! Dann verlasse auch ich den Gipfel und hole die anderen ein. Verdammt schnell steigen wir ab und haben schon nach 75 Minuten 1600 Höhenmeter absolviert. Bei einem kleinen gastronomischen Betrieb eines Afghanen kehren wir ein und nehmen einen heißen Tee zu uns. Dann machen wir uns ein letztes Mal auf den Weg. Es wird dunkel, und das Tal nach Darband zieht sich ewig. Zweien meiner vier Begleiter schwinden nun rapide die Kräfte, dabei sind sie oben noch wie die Weltmeister den Berg hinuntergelaufen. Irgendwann ist die Vergnügungszone dann doch wieder erreicht; im verlockenden Duft der Grillspieße wandere ich die letzten paar hundert Meter talauswärts und nehme dann ein Taxi nach Hause.

 

Samstag, 16. August:

Früh muß ich aufstehen, denn ich soll ja bei der Polizei vorsprechen. Farhâd und sein Onkel fahren mit mir gemeinsam hin und erklären mir nach einem Sondierungsgespräch, daß wir erst einmal warten müssen. Ich hatte schon damit gerechnet, daß die Sache nicht reibungslos ablaufen würde und beobachte all die anderen Menschen, die - größtenteils unfreiwillig - hier bei der Polizei etwas zu erledigen haben. Von einem jungen Mann erfahren wir, daß er hier ist, um sein Auto zurückzubekommen - es war ihm von der Polizei abgenommen worden, weil er beim Fahren zu laut Musik gehört hatte! Endlich werden wir ins Innere des Gebäudes gebeten und von einem Beamten empfangen. Ich muß den Diafilm aus dem Kameragehäuse holen; dieser wird von einem Polizisten zu einem Fotolabor gebracht. Nach der zeitraubenden Entwicklung begutachtet der Beamte den Film, stellt fest, daß ich tatsächlich nur das Straßenschild fotografiert habe, läßt den Film nochmals zum Labor bringen, um Abzüge machen zu lassen, überläßt mir dann die qualitativ indiskutablen Abzüge, behält selbst den für mich viel wichtigeren Diafilm, gibt mir immerhin Ausweis und Fotoapparat zurück und fügt aber noch hinzu, ich solle froh sein, da ich normalerweise vor ein Gericht gemußt hätte. Eine gerechte Behandlung? Egal, ich bin froh, glimpflich davongekommen zu sein und kann den Verlust des Diafilms verschmerzen. Erleichtert fahren wir zurück in die Wohnung, wo ich dringend benötigten Schlaf nachhole. Nachmittags mache ich einen längeren Besorgungsspaziergang durch die Stadt, kaufe Postkarten (die übrigens mangels nennenswerter Touristenzahlen nur schwer zu bekommen sind) und einen wunderschönen Damâvand-Bildband und entdecke schließlich das christliche Kleinod Teherans: Die armenische Kirche. Ende der 70er-Jahre rechtzeitig vor der Islamischen Revolution erbaut, stellt sie eine sonderbare Enklave in diesem riesigen muslimischen Gottesstaat dar. Ich betrete sie und genieße es, eine Zeitlang schweigend die Atmosphäre auf mich wirken zu lassen. Ein echter Ruhepol ist dieses Gotteshaus jedoch höchstens im übertragenen Sinn, denn auch im Inneren der Kirche ist das unaufhörliche, penetrante Grollen des Straßenverkehrs deutlich zu hören. Anschließend überwinde ich mich, ein weiteres Mal den Bazar zu besuchen, denn ich möchte die Gelegenheit nutzen, um Gewürze und Tee zu kaufen und außerdem - falls möglich - einen echten Perserteppich zu erstehen. Im Teppichladen, bei dem man mich schon das letzte Mal umworben hat, erkennt man mich gleich wieder, bietet mir wieder Tee an und rollt unter vielen anpreisenden Erklärungen Teppiche aus. Ich entscheide mich für ein besonders schönes, wenn auch kleines Stück und trete in die Phase der Preisverhandlungen ein. Bald ist der Deal perfekt, von ursprünglichen 210 Euro zahle ich 166 und steige zufrieden in ein Taxi.

 

Sonntag, 17. August:

Heute will ich das große Abenteuer Damâvand endlich starten und bin ein letztes Mal in der Stadt unterwegs, um noch ein paar Besorgungen zu machen. Schließlich verlasse ich mit einem überschweren Rucksack und voller Ungewißheit mein mittlerweile trautes Domizil, um die nicht unkomplizierte Reise Richtung Osten anzutreten. In mehreren Etappen gelange ich zum Teheraner Ostterminal, wobei es wieder mehrere Begegnungen mit viel Licht und viel Schatten gibt: Ein Iraner spricht mich einfach so an und bietet mir seine Hilfe an, ein anderer schenkt mir sogar Busfahrkarten, der Busfahrer jedoch verabschiedet sich mit einem "Heil Hitler" von mir - was gar nicht böse gemeint ist, sondern nur auf einem engen geistigen Horizont beruht. An solchen gedankenlosen Sprüchen zeigt sich die Macht der Bildung; wer nie die Möglichkeit hatte, Geist und Verstand reifen zu lassen und ein gewisses Niveau zu entwickeln, kann nicht wirklich ermessen, wie deplaziert und makaber solche "Späße" sind. So gesehen ist dieser Typ in meinen Augen weder ein Verbrecher, noch ist er wahrscheinlich besonders dumm. Für mich ist er einfach nur ein armer Teufel, der nie etwas anderes gelernt hat, als Deutschland mit Nazisprüchen zu assoziieren. Jedenfalls werde ich am Ostterminal gleich wieder angesprochen, diesmal von einem uniformierten Iraner von der Luftwaffe. In sehr gutem Englisch bietet er an mir zu helfen, und nach einigen hochemotionalen Diskussionen mit einem Haufen Taxifahrer bezüglich Fahrtroute und Preis steigen wir schließlich gemeinsam in einen Reisebus, der mich an den Fuß des Damâvand bringen soll. Nach einer längeren Fahrt, die durch eine halbstündige Pause an einem Rastplatz unterbrochen und durch kostenlose Cola vom Buspersonal versüßt wird, lande ich schließlich dort, wo ich hinwollte. Ein klappriges Taxi bringt mich schließlich über eine baufällige Bergstraße an mein vorläufiges Ziel und den Ausgangspunkt der Tour, zum Dorf Rhine auf 2080 m Höhe. Sofort werde ich von einem älteren Mann, der in zweiter Generation eine Bergsteigerunterkunft für Damâvand-Gipfelaspiranten betreibt, aufgenommen und kann endlich etwas entspannen. Abends unternehme ich noch einen schönen Spaziergang durchs Dorf, wobei es nicht lange dauert, bis mich zwei Jugendliche stellen, die sich über meine Anwesenheit freuen und mich in rudimentärem Englisch vollstammeln. Später am Abend lerne ich in der Unterkunft einen Österreicher und eine Französin kennen, die gerade vom Gipfel kommen. Es ist wieder einmal wohltuend, in meiner Muttersprache sprechen zu können und einen kleinen Vorgeschmack auf die internationale Bergsteigergemeinschaft am Damâvand zu bekommen, die ich mir so erhoffe. Ich blättere noch etwas im Gästebuch, das seit den 60er-Jahren geführt wird, und finde auch den Eintrag von Reinhold Messner, der im April 1971 am Damâvand gescheitert ist.

 

Montag, 18. August:

Mit schmerzenden Gliedern stehe ich am frühen Morgen auf. Ich mußte am Boden schlafen; ein Kissen war der einzige Komfort. Nach Stunden des ungemütlichen Wachliegens bin ich nun froh, daß es endlich losgeht. Ich stärke mich noch mit heißem Tee und Honigbroten und mache mich dann auf den Weg, der mich zunächst für mehrere Kilometer auf einer Fahrstraße zum Lager 2, Gusfandsarâ, bringen soll. Bereits nach wenigen hundert Metern werde ich jedoch wieder einmal von einem Lkw mitgenommen und bin froh, mir so einiges an zeitaufwendigem Gelatsche zu sparen. Bei der wackeligen Fahrt über schlechte Pisten werden mir einmal mehr die Dimensionen des Damâvand bewußt: Ich bin schon weit über dem Tal, aber noch so weit unter dem Gipfel! Eine unglaubliche weite Landschaft ist das hier ... Schließlich lassen mich die wild aussehenden Arbeiter absteigen, und ich bringe das letzte Stück bis Gusfandsarâ, einem kleinen Komplex aus Zelten, Steinhüttchen und einer Moschee, hinter mich. Sofort begrüßt mich ein Mulitreiber, aber gleich werde ich auch mit einem jungen Angehörigen der Mountain Federation konfrontiert, der mir 20 Dollar abknöpfen will - neuerdings das Schicksal eines jeden nichtiranischen Gipfelaspiranten. Da ich mit so etwas nicht gerechnet habe, bin ich mit nur wenig Barem unterwegs und stehe nun vor ernsthaften Problemen. Ich versuche, dem Typen (mit Hilfe des alten Mulitreibers, der ein wenig Englisch spricht) meine Geldknappheit zu erklären, er aber lächelt nur arrogant und läßt nicht mit sich reden. Langsam bekomme ich ein mulmiges Gefühl, was meine Gipfelchancen anbelangt. Um mir entgegenzukommen, schlägt der Alte vor, eines meiner Ausrüstungsgegenstände zu pfänden, aber ich werde bestimmt nicht meinen Schlafsack hergeben, der erstens 20 Mal soviel wert ist wie die geforderte Gebühr und den ich zweitens ja auf dem Berg brauche. Schließlich, nach langem Gejammere meinerseits, hat der junge Geldeintreiber doch ein wenig Einsehen und verlangt nur noch zehn Dollar. Das ist für mich machbar, und ein paar 10000-Rial-Scheine wechseln den Besitzer. Von einem anderen Mann, bei dem ich nicht genau weiß, ob er Bergführer, Ziegenhirte oder beides ist, werde ich noch auf einen Tee eingeladen, dann kann ich endlich erleichtert weiter aufsteigen. Schon bald treffe ich auf zwei Iraner, die auch gerade in Richtung Lager 3 losgegangen sind; Hossein, der schon elf Mal auf dem Damâvand war und sein Sohn Bahrâm, der in Budapest studiert; beide sprechen Englisch. Ich freunde mich mit den beiden an, und wir steigen gemeinsam auf. Das extrem langsame Tempo, das sie anschlagen, kommt mir sehr zugute, denn wenn ich allein gehe, neige ich immer zum Rasen. So trotte ich dagegen in der langsamsten Geschwindigkeit, die ich jemals an einem Berg hatte, hinter den beiden her und kann mich daher wunderbar akklimatisieren und meine Kräfte für morgen aufsparen. Es dauert ewig, aber irgendwann erreichen wir dann doch Lager 3 auf 4150 m, ein kleiner fensterloser Betonbunker und letzte Station vor dem Gipfel. Weit unten liegt Gusfandsarâ, noch viel weiter unten die Straße, auf der ich von Rhine mit dem Lkw ein Stück heraufgefahren bin, und noch weiter unten der Abgrund des Tals. Die Höhenunterschiede sind jedoch so gewaltig, daß das Auge sie nicht mehr richtig einschätzen kann; es gibt nur ein einziges, undefinierbares "weit unten" und nach wie vor ein "weit oben", das fast immer gleich unerreichbar aussieht, egal, auf welcher Höhe man sich befindet. Viele Iraner sind hier auf Lager 3, wie üblich schlecht ausgerüstet, aber gut gelaunt. Abgesehen von einer französischen Reisegruppe bin ich der einzige westliche Bergsteiger hier, aber immerhin sind überhaupt andere Leute aus dem Westen hier; in Teheran beispielsweise habe ich bislang keinen einzigen Touristen ausmachen können! Die Stunden des Nachmittags vergehen hauptsächlich mit Essen und Schlafen. Am frühen Abend werde ich freundlicherweise von den Franzosen und ihrem iranischen Führer Mehdi, der sogar ein bißchen Deutsch spricht, zum Essen eingeladen und mache hinterher noch einen kleinen Akklimatisationsspaziergang. Ich habe schon viel von berühmten Höhenbergsteigern und ihren Achttausendertouren gelesen und kenne daher ein paar Regeln wie z. B. "hoch steigen, tief schlafen"; d.h. man soll möglichst auf einer niedrigeren Höhe schlafen, als man am Tag gestiegen ist. Der Damâvand ist zwar im Vergleich zu den höchsten Bergen der Welt verschwindend niedrig, aber ich will morgen ja mit dem Gipfel meine bisher höchste erreichte Höhe um 1500 Meter überbieten, und da niemand wissen kann, wie er auf eine neue, ungewohnte Höhe reagiert, bereite ich mich lieber professionell vor. Als es dunkel wird, fangen die Insassen des Bunkers zu feiern an; sie singen, klatschen und spielen Flöte im Kerzenschein. Ein wunderbares Erlebnis; ich ziehe es aber trotzdem vor, mein Nachtlager nach draußen zu verlegen, da die Luft im Inneren zu stickig wird. Die meisten der Feiernden scheinen die direkte körperliche Nähe anderer Gleichgesinnter zu suchen und sich nicht daran zu stören, wenn Dutzende Leute sich auf kleinstem Raum drängen; ich dagegen fühle mich in so einer Situation bedrängt und suche die Weite des Sternenhimmels und die befreiende, kühle Luft der Nacht.

 

Dienstag, 19. August:

Nur wenige Stunden liege ich im Schlafsack an der Außenmauer des Bunkers, dann ist es Zeit für die letzte Etappe. Hossein und Bahrâm haben mir tags zuvor eröffnet, daß sie schon um Mitternacht aufbrechen wollen und hoffen, bis acht oder neun Uhr morgens den Gipfel zu erreichen. Ich habe sie gebeten, mich auch aufzuwecken, wenn sie gehen, und jetzt stehen sie an meinem Schlafsack. Ich wäre aber auch so wach gewesen, denn durch das rücksichtslose Verhalten einiger anderer Iraner war Schlaf gar nicht erst möglich. Zügig stehe ich auf und ziehe mich an, dann geht es los. Im Schein der Stirnlampe steigen wir gemächlich aufwärts, wobei mir schnell klar wird, daß ich heute dieses langsame Tempo nicht lange aushalten kann. Jetzt, wo ich mich auf dem letzten Anstieg zu dem Gipfel befinde, von dem ich Monate geträumt habe, will ich schnell gehen, will ich meine ganze Motivation in körperliche Aktion umsetzen. Darüber hinaus hoffe ich ja, auch von diesem Berg tolle Fotos mit nach Hause zu bringen und spekuliere darauf, vom Gipfel den Sonnenaufgang mitzuerleben. Nach einer Stunde Gehen, der Aufwärmphase quasi, teile ich den beiden mit, daß ich nun allein weitergehen werde und ziehe davon (dies hatte ich ihnen gegenüber übrigens gestern schon erwähnt; es ist also nicht so, daß ich sie damit überraschte). Schon bald habe ich den Schein ihrer Lampe weit unter mir und genieße das Alleinsein. Kontinuierlich und gleichmäßig geht es aufwärts, oft nur mit dem Mondlicht als einziger Beleuchtung, und zu meiner Freude stimmen so ziemlich alle wichtigen Faktoren: Die Temperatur (beim Losgehen hatte es 6° C), die Wegfindung, meine Kondition. Alles scheint zu passen, und die Höhenmeter werden weniger. Allmählich ändert sich die Situation jedoch, denn ein eisiger Westwind kommt auf und wird immer stärker. Zuerst ist es einfach noch ein kalter Wind, der mir nicht allzu viel ausmacht; bald ist er aber so stark, daß ich ernsthafte Probleme bekomme. Obwohl ich natürlich Handschuhe anhabe, muß ich alle paar Meter stehenbleiben, um meine Fingerkuppen zu wärmen, sonst würde ich in kürzester Zeit Erfrierungen davontragen. Ich komme in Versuchung, mir einen Abbruch der Tour ernsthaft zu überlegen, aber noch ist genug Motivation vorhanden, um gegen die aushöhlende Kälte des Windes anzukämpfen. Nicht meine körperliche Verfassung ist es, die mir Probleme bereitet, überraschenderweise auch nicht die Höhe, sondern nur dieser zermürbende, kalte Sturm. Auf einmal erreiche ich Hänge mit weißem Sand, und es stinkt gewaltig - ich habe anscheinend den Bereich der Schwefelgase erreicht. Alle paar Meter sind im Boden kleine Löcher, aus denen dicke, stinkende Rauchschwaden steigen; Zeugen davon, daß der Damâvand ein Vulkan ist. Was für ein seltsames Bergerlebnis! Immerhin kann es nun nicht mehr weit sein. Und tatsächlich, viel früher als erwartet habe ich den Felsen mit den vielen Gipfelschildern vor mir, den ich von einem Foto her kenne. Ein unwirkliches, fast unirdisches Szenario ist das hier oben: Der Sturm pfeift hier stärker und kälter als während des gesamten Aufstiegs, er wirft mich fast um, ich befinde mich allein auf 5671 m Höhe, es ist immer noch dunkle Nacht, und am Horizont leuchtet das Lichtermeer von Teheran. Ich kann es nicht richtig glauben, tatsächlich jetzt hier zu sein, habe aber gar keine Zeit, mich jetzt näher mit diesem Gedanken auseinanderzusetzen, denn die Lage ist nicht ganz unkritisch: Ich bin durch den Sturm total ausgehöhlt, sprich unterkühlt, und nicht warm genug angezogen. Darüber hinaus stehe ich vor dem Problem, daß ich ja den Sonnenaufgang von hier oben anschauen wollte - aber ich habe nur viereinhalb Stunden für den Aufstieg gebraucht; daher ist es noch dunkel, und der Morgen ist fern. Doch dieser Sonnenaufgang ist mir sehr wichtig, und daher beschließe ich, mich an eine etwas windgeschützte Stelle zu setzen und zu warten. Mein Trinkschlauch ist eingefroren, der Energieriegel ebenfalls - nur mit Mühe kann ich ein paar wertvolle Bissen zu mir nehmen und muß mir dann eine andere Stelle zum Warten suchen, da mir hier zu viele Schwefelgase ins Gesicht wehen. Schließlich sitze ich da, zusammengekauert, am ganzen Körper vor Kälte schlotternd. Ich habe wahrscheinlich noch nie in meinem Leben so gefroren, aber ich weiß, daß ich kerngesund und topfit bin und daher meinem Körper so etwas zumuten kann. Das Thermometer zeigt -7° C; welche Kälte man tatsächlich fühlt, wenn man noch die eigene Ausgezehrtheit und den starken Wind berücksichtigt, kann sich jeder selbst vorstellen. Ich weiß nicht, wie lange ich da so sitze; meine Gedanken sind weitgehend abgeschaltet, ich versuche, einfach nur so gefühllos wie möglich zu werden und nicht alle paar Minuten auf die Uhr zu schauen. Irgendwann wage ich wieder einmal einen Blick nach Osten - da ist der Horizont schon rötlich gefärbt! Endlich, ich stehe auf und wanke zitternd ein wenig im windumtosten Gipfelbereich herum, um Wärme zu erzeugen. Schließlich halte ich es doch nicht mehr aus und steige ein paar Meter ab, da entdecke ich auf der Ostseite des Gipfelhanges ein riesiges Schneefeld, das nur noch aus meterhohen Eiszacken besteht. "Büßerschnee" nennt man solche bizarren Gebilde, wie ich sie schon einmal im Miniformat am Gipfel der Baumgartenschneid erlebt habe. Aber jetzt stehe ich vier Mal so hoch wie die Baumgartenschneid, wie in einer anderen Welt, und da ist es soweit: Die Sonne geht auf! Selten waren die ersten Strahlen, die noch zu schwach sind, um Wärme zu bringen, so tröstlich, so wertvoll für mich wie jetzt. Der Siegeszug des Lichts über die Nacht vertreibt nicht nur die Dunkelheit, sondern mit ihr auch alle Bedenken, die Einsamkeit, die Zweifel. Spätestens jetzt weiß ich hundertprozentig, daß ich wieder gut hinunterkommen werde und kann diesen Morgen jetzt fast sogar ein bißchen genießen. Ich überwinde mich zu vielen Fotos, denn die Lichtspiele an den scharfen Eiszacken und die leuchtenden Rauchschwaden sind es wert. Dann packe ich endlich meinen Rucksack und steige ab. Das Frieren ist vorbei, jetzt habe ich nur noch den langen Abstieg vor mir, der allerdings durch das viele Geröll ein Genuß wird. Man kann den Berg förmlich hinunterlaufen und im feinkörnigen Schutt wunderbar abfahren; das geht sehr schnell und schadet den Knien nicht. Ein wenig unterhalb der Rauchzone kommt mir ein Treck von etwa zehn Bergsteigern entgegen, darunter auch Hossein und Bahrâm. An den ungläubigen Gesichtern rausche ich vorbei und beglückwünsche mich schon jetzt dazu, nachts aufgestiegen zu sein und den Sonnenaufgang gesehen zu haben. Bald komme ich wieder am Lager 3 an - schwitzend! Wie nahe liegen doch an so einem Berg die Extreme beieinander: Hitze und Kälte, Sand wie in der Wüste und Eis. Es ist geschafft! Zufrieden stärke ich mich mit einem kleinen Frühstück und vermumme mich dann in meinem Schlafsack, um ein wenig zu regenerieren. Viel später kommen auch die anderen Bergsteiger zurück; auch sie waren erfolgreich und haben den Gipfel erreicht. Am Nachmittag verabschiede ich mich schließlich von den vielen einheimischen oder auswärtigen Leuten, mit denen ich mich hier angefreundet hatte. Ein Iraner wünscht sich ein kleines Abschiedsgeschenk von mir, damit er sich an mich erinnern kann; ich gebe ihm den einzigen ideellen Gegenstand, den ich immer mit mir führe: Ein kleines Holzkreuz vom Berg Athos. Ich habe es selbst vor Jahren von einem Mönch geschenkt bekommen, nun ist es um die Welt gegangen und hat einem weiteren Menschen eine Freude bereitet. Zusammen mit Hossein und Bahrâm steige ich wieder nach Lager 2 ab und nutze die Gelegenheit, den Wanderweg vom Müll zu befreien. Es ist wirklich nötig, da alle paar Meter ein kleines Bonbonpapier, manchmal sogar eine große Plastikflasche die Natur verschandelt. Bald habe ich eine Tüte voll mit kleinen Müllteilen, während Bahrâm ein paar größere Flaschen aufgelesen hat. Im Lager 2 ist die Tour dann endlich vorbei; die beiden sind nämlich mit dem Auto hier und nehmen mich freundlicherweise mit nach Teheran. Ein Glas Tee, ein Stück Melone, ein letzter Blick hinauf zu den düsteren Höhen des Damâvand, die mittlerweile von dunkelgrauen Wolken verhüllt sind, dann steigen wir ein und fahren los. Bei einem Einheimischen, der in einem Zelt lebt und hundert Bienenkästen in der Wiese stehen hat, kaufe ich noch ein Glas Honig; in Rhine lade ich noch ein paar Ausrüstungsgegenstände ein, die ich in der Bergsteigerunterkunft gelassen hatte; dann geht es endgültig in Richtung Teheran. Auf der Fahrt können wir mitverfolgen und mitgenießen, wie allmählich der Tag zur Neige geht. Spätabends - Farhâd kann es gar nicht glauben, daß ich schon zurück bin - liege ich wieder in meinem Zimmer und grinse ganz einfach bei dem Gedanken daran, wie ich heute morgen auf einem hohen, kalten Berg gesessen habe, um auf die Sonne zu warten.

 

Mittwoch, 20. August:

Es ist wunderbar, ausschlafen und ganz gemächlich frühstücken zu können. Das große Ziel meiner Iranreise ist erreicht, ich kann mich jetzt durchaus ein wenig zurücklehnen. Aber was soll ich in den zwei verbleibenden Tagen noch machen? Mein Gastgeber ist immer so beschäftigt, daß ich mit seiner Gesellschaft nicht rechnen kann. Noch zwei Tage einfach nur in Teheran zu verbringen halte ich für etwas langweilig, daher überwinde ich mich ein letztes Mal zu einer größeren Aktion: Ich werde ein drittes Mal auf den Tochâl steigen und diesmal endlich oben biwakieren! Relativ leicht fällt die Entscheidung, aber was es tatsächlich heißt, am Tag nach der Damâvand-Besteigung noch einmal 2000 Höhenmeter überwinden zu wollen, überdies mit schweren Biwakgepäck, stelle ich schnell fest. Wieder geht es durch das seltsame Darband, wo luxuriös anmutende Restaurants nur über den einen, taleinwärts führenden, schlammigen Felsenpfad erreichbar sind. Schon bald schwitze ich aus allen Poren, fühle mich ausgelaugt und schlapp. Ich bin mir nicht einmal ganz sicher, ob ich den Gipfel wirklich erreichen werde, denn der Weg ist sehr weit, und der gestrige Tag hat einfach Tribut gefordert. Durch die Schwefelgase und die eisige Luft sind meine Lungen so gereizt, daß ich nur ganz flach atmen kann. Aber irgendwie geht es auch heute; langsam und kontinuierlich steige ich auf und spule so im Zeitlupentempo die vielen Höhenmeter ab. Zwei aserbaidschanische Bergsteiger sprechen mich an und fragen mich freundlich ein bißchen aus, danach bin ich allein. Das Wetter ist zweifelhaft, viele Wolken sind am Himmel, und es wird kühl. Endlich, nach einigen Stunden, sind auch die letzten, nicht enden wollenden Meter geschafft, und ich stehe zum dritten Mal auf dem Tochâl. Ich hänge meine patschnassen Kleidungsstücke in den kalten Wind und richte meinen Biwakplatz an der windgeschützten Außenseite der Biwakschachtel her. Ich könnte zwar auch ins Innere gehen, möchte aber gern nachts den Sternenhimmel und die Lichter Teherans sehen können. Bald verschwindet die Sonne unspektakulär hinter einer Wolkenfront, im Tal unten gehen die Lichter an. Endlich erlebe ich dieses Schauspiel, das ich die letzten beiden Male schon so gern gesehen hätte: Es wird dunkel, und die Megalopolis Teheran verwandelt sich nach und nach in ein gigantisches Meer aus Lichtern. Der Anblick wird immer phantastischer, je dunkler es wird, und schließlich ist die Stadt ein einziger gigantischer, fleckiger Leuchtteppich, eine helle Weltraumstation im dunklen All. Ich versuche, diese Stimmung auf einen Diafilm zu bannen und stelle dann bald fest, daß ein Gewitter im Anzug ist und ich vielleicht doch besser in die Biwakschachtel gehen sollte. Kaum habe ich mein ganzes Zeug hineingeräumt, fängt es schon zu regnen an, und ich bin froh, mich jetzt nicht ausgesetzt auf einem schutzlosen Gipfel zu befinden. In den Schlafsack verkrochen dämmere ich vor mich hin und hoffe, daß kein Blitz einschlägt. Plötzlich Stimmen. Ich erschrecke kurz, begreife dann aber, daß es einfach nur Bergsteiger sind, die erst jetzt den Gipfel erreichen. Ich öffne den regennassen Männern die Tür, und es beginnt eine gemütliche Runde in der Biwakschachtel. Mit dabei vier Iraner, ein Bayer, ein Gaskocher, auf dem Tee, Kaffee und Nudeln zubereitet werden, und außerdem viele andere kulinarische Schmankerl. Einmal mehr werde ich nicht nur Zeuge, sondern Objekt der iranischen Gastfreundschaft und bin glücklich über die Erfahrungen, die ich hier machen kann. Diese Männer sind viel älter als ich, sprechen eine andere Sprache, leben in einem völlig anderen kulturellen Kontext - aber es sind wie ich Bergsteiger, und diese einfache Tatsache verbindet uns. Im Laufe der Nacht kommen noch weitere Leute herauf (darunter einer, der sagt, daß er vor kurzem eine Herzoperation über sich ergehen lassen mußte und schon 39 Mal auf dem Damâvand und 420 Mal auf dem Tochâl gewesen sei), andere gehen wieder, und so herrscht in der Biwakschachtel ein reges Treiben. So kann ich auch in dieser Nacht nicht die Ruhe finden, die mein Körper so dringend brauchen würde. Wenn er so oft im roten Bereich laufen muß, streikt er irgendwann zwangsläufig. Ich habe mich ein bißchen erkältet, niese ständig und weiß jetzt, daß ich mir nach dieser Tour nun wirklich einige Tage Pause gönnen sollte.

 

Donnerstag, 21. August:

Müde trete ich am Morgen vor die Biwakschachtel. Es ist kühl und wolkig, aber wenigstens regnet es nicht mehr. Die iranischen Bergsteiger wollen mich fast nicht gehen lassen; immer neue Einladungen zu Tee und anderen Sachen bringen sie mir entgegen, aber ich will jetzt wirklich nur noch runter. Da stehe ich hier am Gipfel, am letzten ganzen Tag meiner Reise, und der Kreis schließt sich. Am zweiten Tag stand ich schon hier; was habe ich seitdem alles erlebt! Ewig dauert der Abstieg, aber ich lasse mir Zeit und genieße es. Immer wieder bleibe ich stehen und werfe einen Blick hinab auf diese Stadt, dieses Phänomen, diesen Dschungel. Am Mittag ist es geschafft, ein letztes Mal wandere ich an den Läden und Lokalen von Darband vorbei und nehme mir dann ein Taxi. Als ich die Wohnung von Farhâd betrete, weiß ich: Jetzt ist es endgültig geschafft, jetzt muß ich nichts mehr erledigen, jetzt bestehen keine Ungewißheiten mehr, jetzt muß ich nur noch packen und den heutigen Tag vorüberziehen lassen, dann ist es vorbei! Jeden Tag bisher hatte ich diese Unsicherheiten zu meistern, die immer dann auftauchen, wenn man irgendwo hinfahren oder -gehen will, wenn man irgendetwas kaufen will, wenn man einen Berg besteigen will usw. Denn nie wußte ich: Wird alles so klappen, wie ich es mir vorstelle? Welche Route muß ich nehmen? Wie komme ich da und dorthin? Wird mir vielleicht etwas passieren, gibt es vielleicht Leute, die versuchen werden, mir meinen Fotoapparat zu stehlen, wenn sie sehen, daß ich allein bin? Und nun betrete ich ein letztes Mal die Wohnung, esse zu Mittag, dusche, lege mich hin und weiß mit großer Genugtuung, daß ich es geschafft habe. Da ich morgen schon um 3 Uhr aufstehen muß und in den alten Wecker Farhâds kein großes Vertrauen habe, bleibe ich wach und denke einfach stundenlang über die vergangenen Tage nach.

 

Freitag, 22. August:

In der warmen, nächtlichen Luft Teherans fährt mich Farhâd zum Flughafen. Kurz und schmerzlos verabschieden wir uns voneinander, ich gerate in die weltweite Maschinerie der Eincheck-Schalter, Gates und Duty-Free-Shops. Die Atmosphäre, die mich hier empfängt, ist eine gewohnte; die Zeit zwischen meiner Ankunft vor knapp zwei Wochen und jetzt erscheint plötzlich in einem ganz anderen Licht, wird immer mehr zum unwirklichen Traum. Nicht mehr duftendes, frisch gebackenes Brot betört meine Sinne, sondern die nach wie vor grottenschlechte Flugzeugpampe, deren Ungenießbarkeit ich leider wieder einmal unterschätze und derer ich erst dann gewahr werde, als es mir schlecht geht. Die letzten Tage am Berg, die wirklich hart waren, nun die durchwachte Nacht in Verbindung mit dem Reisestreß und der ekligen Verpflegung machen mich endgültig fertig. Als ich in München ankomme, kann ich mich erst gar nicht richtig über die Heimat freuen, sondern schockiere die anderen Fluggäste nur mit meinem fahlen, ausdruckslosen Gesicht. Wieder zuhause, lasse ich mir das Flugzeugfrühstück noch einmal durch den Kopf gehen und weiß: Es spielt keine Rolle, ob die bayerische oder die persische Küche besser ist; entscheidend ist nur, daß man beim Essen festen Boden unter den Füßen hat!

 

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