Ein Tag in den Bergen

Drei Uhr fünfundvierzig. Eine schaurige Melodie künstlicher Töne reißt mich aus dem Schlaf. Wie so oft ist das gedankenlos-automatische Abstellen des Weckers die erste Handlung des Tages; danach bin ich schnell wach und begreife, daß es nun Zeit ist aufzubrechen. Harte Minuten. Die viel zu kurze, unbequeme Nacht im Kofferraum des Autos ist zu Ende, und ein Riesentag steht mir bevor. Ich bin zu feig, um so feig zu sein, die Tour gar nicht erst zu starten, und packe mein Zeug zusammen. Ein tröstlicher Becher heißer Tee, eine Scheibe Brot, dann stehe ich in der eiskalten Luft der Nacht, steige aufs Rad und strample los. Schon nach wenigen Minuten bin ich warm, beginne zu schwitzen. Das vielleicht Schwierigste ist schon jetzt geschafft: Der Aufbruch.

Stunden später: Der Gipfel des Hohen Göll. Allein sitze ich in der angenehmen Vormittagssonne und habe das Glück, daß kein Wind weht. Viel Schnee liegt hier oben, der Aufstieg war ein Tanz über weiß eingezuckerte Felsplatten, und meine Gamaschen sind dummerweise zuhause geblieben. Der Blick schweift von Salzburg über die Berge im Osten, die sich im Morgennebel geheimnisvoll als pastellfarbene Ketten hintereinanderreihen, weiter über Dachstein, Tennengebirge und Hagengebirge zum Hochkönig, dann das Steinerne Meer, weiter zum Watzmann - an ihm bleiben meine Augen haften, ja, da hab' ich heute noch was vor...

Mittag. Warm ist es mittlerweile hier unten, ich sitze im geparkten Auto, habe eine große Tour hinter mir, jedoch noch eine größere vor mir. Ich will heute mehr erleben, noch höher steigen. Nur 20 Minuten Pause gönne ich mir, versuche die leeren Depots meines Körpers wieder ein wenig aufzufüllen, dann breche ich ein zweites Mal auf und habe den anderen großen Berg des Berchtesgadener Talkessels vor Augen: Den Watzmann! Ich versuche, mir die Entfernung bis zum Gipfel nicht allzu bildlich vorzustellen und trete einfach in die Pedale. Überraschend gut geht es voran, ich bin in meinem Element, kontinuierlich wird Kilometer um Kilometer, Höhenmeter um Höhenmeter abgespult. Touristenmassen sind wieder einmal am Watzmann unterwegs, es ist laut und bunt am Berg; ich jedoch freue mich schon wieder auf die Einsamkeit, die dort oben auf mich wartet.

Der Vorgipfel. Längst sind alle anderen Bergsteiger abgestiegen und haben mir das Spielfeld überlassen. Ziemlich entkräftet stehe ich am Hocheck und weiß nicht, wie der Grat zur Mittelspitze bei diesen frühwinterlichen Verhältnissen wird. Es wäre leicht, hier einfach nicht weiterzugehen - doch ich will auf dem höchsten Punkt stehen. Die Grödel mit ihren scharfen Metallzacken sind eines der ganz wenigen Dinge, die ich heute in meinem leichten Rucksack mitgetragen habe, und erweisen sich jetzt als fast essentiell. Zuerst noch aper und warm in der späten Nachmittagssonne leuchtend, wird der Grat bald schneeig, schließlich eisig. Die Eisen greifen ins Blankeis, ermöglichen mir den Gipfel ohne Nervenkrieg. Ein letzter Aufschwung, die letzten von heute fast viereinhalbtausend Aufstiegshöhenmetern, dann wird die Sicht nach allen Richtungen frei. Wieder einmal ist es ganz königlich, auf diesem exponierten, schroffen Punkt zu stehen. Mein Körper schmerzt nicht, er ist nur müde, leer, mitgenommen, was bei mir keine echte Euphorie zuläßt, sondern eher so etwas wie stille Freude. Zurück am Hocheck darf ich es mir leisten, die hohe Konzentration etwas von mir abfallen zu lassen, der Grat liegt hinter mir, nun kann nicht mehr viel passieren. Wenn ich hinüberschaue zum Hohen Göll, der jetzt immer mehr im Abendlicht leuchtet, muß ich den Kopf schütteln und schmunzeln. War ich da wirklich heute schon oben?

Viel weiter unten, es ist schon dunkel. Ich muß einfach die Abfahrt mit dem Rad für ein paar Minuten unterbrechen; zu schön ist das, was um mich herum passiert. Im Tal leuchten die Lichter, die Gipfel der Reiter Alm zeichnen sich als dunkle Silhouette vor dem Abendhimmel ab, dessen letzte Farben gerade verblassen und allmählich dem tiefen Schwarz der Nacht weichen. Grillen zirpen. Und als ich dann das letzte Stück bergab hinter mich bringe und zurück nach Berchtesgaden rolle, habe ich wieder den großartigen Sternenhimmel über mir.

 

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