Lorbeer, Nüsse und Kirschbaum

 

Kritische Erinnerungen einer Reise zum Berg Athos im Februar 2004

 

 

Inhalt: Griechenland im Schnee – Geld und Handys – Ankunft in der Himmelsstadt – Nüsse als Hauptstadt, Lorbeer als Hafen – Die Ewigkeit in den Augen – Das Klosterleben – Der Athos ganz profan – Noch mehr traurige Dinge – Gott ist Liebe – Unterwegs – Müll – Abschied – Ouranoúpolis und sein Umland (und noch mehr Müll) – Thessaloniki – Menschliches zum Schluß – Ein trauriger Epilog

 

 

Der autonome Mönchsstaat auf der Halbinsel Athos in Nordgriechenland ist eine geschichtsträchtige Hochburg des orthodoxen Christentums. Seit der Gründung des ersten Klosters vor über 1000 Jahren erlebte die Theokratie Blütezeiten und Verfall. Im islamischen Osmanischen Reich war sie eine geduldete Enklave, ein Überbleibsel des untergegangenen Byzantinischen Reiches. Heute stehen die 20 Klöster und zahlreichen anderen Mönchssiedlungen des Heiligen Berges Athos im Spannungsfeld zwischen  technischem Fortschritt und EU-Geldern einerseits und konservativen, ja radikal-antiökumenischen Bestrebungen andererseits. Im „Garten der Gottesmutter“, wie der Athos auch genannt wird, ist der Lebensrhythmus der Mönche ganz auf das Gebet und die Gottesverehrung eingestellt, und so ist auch Maria, die Mutter Gottes, die einzige Frau, der der Zutritt erlaubt ist ...

 

 

Griechenland im Schnee

 

Die ersten Eindrücke unserer Griechenlandreise stehen im krassen Gegensatz zu dem Bild, das uns die Tourismusbranche immer wieder aufdrängt: Wir steigen aus dem Flugzeug und können uns auf der Gangway fast nicht halten, so stark und eiskalt weht der Wind. Später, bei der Busfahrt über die Halbinsel Chalkidiki, setzt ein starkes Schneetreiben ein, und wieder einmal vollzieht sich das amüsante Schauspiel, daß Griechenland mit dem scheinbar unberechenbaren Phänomen konfrontiert wird, auf das es nie vorbereitet ist und das es jedes Jahr wieder ins Chaos stürzt – die Rede ist vom Winter. Mitten im Gebirge wird nachts eben spontan die Fahrt unterbrochen, 40 Minuten lang an einem einzigen Reifen mit Schneeketten herumgebastelt und wie so oft irgendwie improvisiert. Von einem organisierten Winterdienst zu sprechen wäre sehr schmeichelhaft. Nur wer Griechenland bei solchen Verhältnissen erlebt, bekommt ein vollständigeres Bild von diesem Land, denn im Winter – der übrigens auch hier mehrere Monate dauert – wird einem hier immer wieder bewußt, daß man sich eben nicht nur im Mittelmeerraum, sondern irgendwie auch auf dem Balkan befindet. Trotz allem muten all die tief verschneiten Palmen etwas seltsam an.

 

Geld und Handys

 

Auch diverse andere Eigenheiten vieler Griechen – sympathische wie anstrengende – werden einem schnell wieder klar. Ein besonders interessantes Kapitel ist beispielsweise der Umgang mit Geld. Wenn man den Hintergrund der griechischen Drachme kennt, die in ihren letzten Jahren nur noch so wenig wert war, daß quasi keine Münzen mehr im Umlauf waren, wird verständlicher, warum auch heute, wo der Euro das Land regiert, kleinere Scheine hemmungslos gefaltet, geknickt, geknüllt und beschriftet werden. Wer sein Leben lang mit dicken Bündeln von Banknoten agieren mußte, die einzeln nur wenige Cent wert waren und so aussahen, als kämen sie gerade aus der Waschmaschine, hat natürlich zunächst einmal Probleme, Respekt gegenüber kleineren Euroscheinen zu entwickeln. Die Sehnsucht nach dem befriedigenden Gefühl, einen ganz dicken Ballen von Scheinen in der Hosentasche klemmen zu haben, wird wohl so manchen Griechen noch auf Jahre im Schlaf heimsuchen. Übrigens: Während Deutschland sich für die Einführung einer 5-Euro-Münze starkgemacht hatte, forderte Griechenland einen 1-Euro-Schein ... Ein ganz wichtiger Faktor im griechischen Alltagsleben ist natürlich auch – wie in so vielen Ländern – der Handykult. Unsere viereinhalbstündige Busfahrt, während der etwa alle fünf Minuten ein sogenanntes „polyphones“ Handy klingelt, lehrt uns, was Sache ist. Griechenland hat viele phantastische Klingeltöne, aber anscheinend keinen Vibrationsalarm.

 

Ankunft in der Himmelsstadt

 

Spätabends kommen wir trotz allem endlich in Ouranoúpolis an, was „Himmelsstadt“ bedeutet. Freilich erweist sich der Name beim näheren Hinsehen als doppelter Euphemismus, denn es handelt sich hierbei durchaus um eine recht irdische Siedlung; zweitens kann bei einem – Entschuldigung – Kaff von wenigen hundert Einwohnern nicht wirklich die Rede von einer Stadt sein. Für uns ist sie jedoch immer wieder ein gern angesteuertes und vor allem strategisch wichtiges Ziel, denn was diesen Ort so besonders macht, ist die Tatsache, daß er der letzte Vorposten der Zivilisation vor dem Athos ist. Wenige Kilometer hinter Ouranoúpolis stößt man auf eine Mauer mit Stacheldraht, mit der die gesamte Athos-Halbinsel vom übrigen Griechenland abgeriegelt ist und deren eigenmächtiges Überschreiten strengstens verboten ist. Der letzte eiserne Vorhang Europas? Jedenfalls ist die Einreise zum Heiligen Berg für diejenigen, die den etwas komplizierten bürokratischen Genehmigungsmarathon durchlaufen und das wichtige Formular in der Hand haben, das sie zu vier Tagen Aufenthalt ermächtigt, per Schiff möglich. Die Nacht müssen wir jedoch noch in Ouranoúpolis bleiben, und wir sind recht froh, zu später Stunde noch in den Genuß einer üppigen Bewirtung zu kommen. Der Wirt hat das Problem Winter ganz ausgebufft gelöst: Die zur Straße hin grundsätzlich komplett offene Seite des Restaurants ist jetzt in der kalten Zeit einfach mit Folie abgeklebt – der Mann ist der geborene Heimwerker! Daß durch 1000 Ritzen und Fugen der eisige Wind hereinpfeift, daß die Tür nicht richtig schließt und daß wir trotz Kaminfeuer unsere Jacken anbehalten müssen, stellt für uns eigentlich keine nennenswerte Überraschung dar – das Kopfschütteln inklusive Grinsen können wir uns aber wie immer nicht verkneifen.

 

Nüsse als Hauptstadt, Lorbeer als Hafen

 

Am nächsten Morgen rutschen und balancieren wir über Schnee- und Blankeisflächen durch den tiefverschneiten Ort und stellen erleichtert fest, daß trotz des schlechten Wetters ein Schiff fährt. Gespannt und erwartungsvoll gehen wir an Bord der Fähre, und wie immer stellt sich dabei ein leicht abenteuerliches Gefühl ein, denn eine Athos-Reise ist immer ein kleines Abenteuer. Was für ein eigenartiges und groteskes Phänomen dieser Staat ist, kann man sich schon allein an ein paar Fakten vergegenwärtigen: Es handelt sich hier um eine grundsätzlich recht idyllische Halbinsel, die von einer vierstelligen Zahl an Mönchen und zeitweilig zur Arbeit herangezogenen Zivilisten bevölkert wird. Es gibt hier keine Frau. Es gibt hier kein Parlament. Dafür gibt es am südlichen Ende der Halbinsel einen Berg, der über 2000 Höhenmeter direkt aus dem Meer aufsteigt, ohne aber ein Vulkan zu sein – vielleicht einzigartig auf der Welt. Die Zahl der dauerhaften Bewohner der „Hauptstadt“ ist vermutlich mit unter 100 zu veranschlagen; sicher mehr als die Hälfte ihrer Gebäude steht leer. Passend zum ländlichen und verträumten Charakter des Landes findet man auch ganz exotische Ortsnamen: „Nüsse“ (Karyés) heißt der Hauptort, „Lorbeer“ (Dáphni) der Haupthafen des Athos. Ein Mönchsdorf im gebirgigen Südteil der Halbinsel heißt gar „Kirschbaum“ (Kerasiá). Politisch gesehen ist der Athos ein autonomes Gebilde, das zu Griechenland gehört; geistliches Oberhaupt ist jedoch der Ökumenische Patriarch, der in Konstantinopel/Istanbul residiert und folglich türkischer Staatsbürger ist. Wenn man noch berücksichtigt, daß die arbeitenden Zivilisten den verschiedensten Ethnien zuzurechnen sind – in Nordgriechenland gibt es ja sowieso die ausgefallensten Minderheiten vom Türken über den Wlachen bis zum Zigeuner – und daß außer den Griechisch-Orthodoxen auch die russische, serbische, bulgarische und rumänische orthodoxe Kirche mit Mönchen vertreten ist, bekommt man unweigerlich den Eindruck, daß der Athos ein bunt schillernder Schmelztiegel ist, irgendwo zwischen Europa und Orient ...

 

Die Ewigkeit in den Augen

 

Wir gehen am ersten möglichen Hafen an Land. Er ist nicht mehr als ein kleiner Anlegesteg und gehört zum Anwesen des deutschen Mönches Panteleimon, der hier seit einigen Jahren lebt und eine heruntergekommene Halbruine in der Wildnis in ein sehr wohnliches „Landhaus“ verwandelt und den umliegenden Berghängen einen großen Olivenhain abgerungen hat. Panteleimon kann uns jedoch diesmal nicht aufnehmen, und so geht unsere Fahrt gleich mit dem Jeep weiter. Auf engstem Raum zusammengequetscht mit Griechen und Serben beginnt eine halsbrecherische Fahrt über frisch in den Berg hineingebulldozerte Pisten. Während ein eifernder, scheinbar radikal-orthodoxer Fahrgast mit einem etwas liberaleren Griechen eine erbitterte theologische Diskussion beginnt und sich dabei immer wieder bekreuzigt, fährt der junge serbische Fahrer des Jeeps seine persönliche Rallye. Die Straßenverhältnisse sind weiterhin winterlich, Seitenplanken gibt es natürlich nicht. Eine einzige, nicht sichtbare Eisplatte, und das Auto könnte problemlos ins Schleudern geraten und den Hang hinunterstürzen. Einigen wird es zu heftig; sie steigen unterwegs aus und ziehen es vor, die verbleibenden etwa 6 Kilometer zu Fuß zu gehen ... Unsere Fahrt endet schließlich unfallfrei im einzigen serbischen Kloster des Athos, Chilandar. Wir gehen gleich in den modernen Gästetrakt des großen Klosterkomplexes und werden nach wenigen Minuten so bewirtet, wie es sich am Athos gehört und wie wir es noch viele weitere Male erleben sollten: Für jeden ein kleiner, starker Kaffee, bei dessen Genuß einem der Kaffeesatz wie feiner Sand über die Zunge perlt, ein griechischer Schnaps, ein Glas Wasser und eine sehr süße, gelatineartige Leckerei. Während wir diese immer wieder willkommene Stärkung zu uns nehmen, kommt ein alter, winziger Mönch zu uns an den Tisch und spricht uns an. Er ist keine 1,40 m groß, hat viel zu große Schuhe an und einen langen, weißen Bart – denn kein Athosmönch schneidet sich jemals in seinem Leben Bart und Kopfhaare, was auf die alttestamentliche Geschichte von Simson zurückgeht, der im Vollbesitz seiner Kräfte war, solange er seine langen Haare hatte. Der Alte kann ein paar Wörter Deutsch und führt begeistert ein bißchen Smalltalk mit uns. Die Begegnung ist unvergeßlich: Da hast du ein altes Männchen vor dir und siehst ihm die Jahrzehnte der Askese und der um die Ohren geschlagenen Nächte an, die ihn im Laufe seines Mönchslebens gezeichnet haben. Aus seinen himmelblauen Augen und seinem kindlichen Lächeln aber spricht die Ewigkeit – so kommt es mir vor; seine ganz tief im Herzen verankerte Zärtlichkeit wird spürbar, wenn er einen ansieht. Die knallharte Realität des Klosterlebens hingegen wird für uns spätestens dann offenkundig, als uns der für die Gäste zuständige Mönch mitteilt, daß morgen früh der Gottesdienst um 2 Uhr beginnt ... Am Nachmittag nutzen wir jedenfalls noch das sonnige, wenn auch winterliche Wetter zu einem Spaziergang zum nächsten Kloster, Esphigménou. Hier leben die radikalsten Mönche des Athos; es sind solche Freaks, daß die anderen Klöster versucht haben, sie zu „entfernen“. Doch wie soll das gelingen – der Athos ist ein Staat ohne Exekutive! Nur ein Beispiel: Nachdem sich in den 60er-Jahren endlich der Papst und der Ökumenische Patriarch getroffen und die gegenseitigen Bannsprüche aus dem Jahr 1054 aufgehoben haben, wurde der Patriarch – geistliches Oberhaupt des Athos – prompt und bis heute von Esphigménou aus dem Fürbittgebet gestrichen; und an den Klostermauern prangen gut sichtbar eine schwarze, an Piraten erinnernde Flagge sowie ein Banner mit der Aufschrift „Orthodoxie oder Tod“. Welch schönes Beispiel für übereifrigen, in falsche Bahnen geratenen Glauben!

 

Das Klosterleben

 

Es ist üblich, daß man während eines Klosteraufenthalts wenigstens in groben Zügen den eigenen Tagesablauf dem der Mönche anpaßt; man ist ja nicht zu einem konventionellen Erholungsurlaub hier – vielmehr zur geistigen Erholung. Denn wer zum Athos fährt, hat wohl meistens einen mehr oder weniger bewußten Beweggrund in dieser Hinsicht; seien es Probleme mit sich selbst, mit anderen Menschen oder mit seinem Glauben, die man zu lösen sucht, sei es die Begeisterung für die Vereinigung von einer beeindruckenden Landschaft mit einzigartigen Schätzen der Malerei und Architektur, oder sei es einfach nur der Wunsch nach einem Ausbrechen aus der hektischen, grell-lauten Alltagsmaschinerie unserer Städte. Auch wir gehen zweimal am Tag in die Kirche; freilich nicht regelmäßig zu so extremen Zeiten wie die Mönche, aber bei der orthodoxen Liturgie ist es ja nicht unüblich, später dazuzustoßen; ein Gottesdienst ist oft ein einziges Kommen und Gehen, das sich gerne mal über vier, fünf Stunden hinzieht. Ich empfinde es schon als besonderes Erlebnis, morgens um halb sechs in einer weihrauchdurchfluteten Kirche zu stehen, deren Helligkeitsgrad sich nur durch wenige Kerzen von der absoluten Dunkelheit unterscheidet, und dem monotonen Singsang der Mönche zu lauschen. Doch liegen – wie sollte es anders sein – Idealvorstellung und Realität oft weit auseinander. Das stundenlange tatenlose Beiwohnen des Gottesdienstes kann leicht in Langeweile umschlagen und zu einer Prüfung der Selbstbeherrschung werden, vor allem, wenn man dem eintönigen Ablauf der Liturgie sprachlich wie inhaltlich nicht folgen kann. Ferner muß man es oft als Diskriminierung empfinden, als Nicht-Orthodoxer nur im hintersten Teil der Kirche stehen zu dürfen, wo man vom Zentrum des Geschehens weitestgehend ausgeschlossen ist. Aber als so eine Diskriminierung im eigentlichen Sinn des Wortes ist es wohl auch gedacht – man soll immer wieder darauf aufmerksam gemacht werden, daß man anders ist; eben nicht orthodox, nicht rechtgläubig. Und mit dem Gesang ist es auch so eine Sache: Manchmal singen die Mönche so gut, daß die zweistimmigen Choräle mit der Dunkelheit und dem Weihrauch eine perfekte Mischung eingehen und einen wirklich rundum berühren – manchmal wird aber auch einfach schlecht gesungen, und dann können eben keine meditativen oder spirituellen Gefühle aufkommen. Wie auch immer – das Klosterleben ist allein schon deswegen eine wertvolle Erfahrung, weil man in rauhen Mengen Zeit hat. Ob es im stundenlangen Gottesdienst ist oder am Nachmittag, der hier so ziemlich überall als Ruhephase gilt: Wer sich nicht absichtlich und gezielt ablenkt, ist durch die viele Zeit gezwungen, die Gedanken schweifen zu lassen, über sich und sein eigenes Leben nachzudenken und sich vielleicht manchen Fragen zu stellen, die das eigene Gewissen, ein Buch oder der Gesprächspartner aufwerfen. Nebenbei: Unterkunft und Verpflegung sind in allen Klöstern kostenlos – soviel zum Gelübde der Gastfreundschaft, das jeder Mönch ablegt.

 

Der Athos ganz profan

 

Der nächste Tag beginnt ungewöhnlich: Zum Frühstück (um 7 Uhr morgens) gibt es unter anderem warmen Erbseneintopf mit Kartoffelbrei, rohe Knoblauchzehen und Rotwein! Naja, warum nicht? Man muß bedenken, daß die Mönche schon seit etwa fünf Stunden auf den Beinen sind und sicher mehr Hunger haben als jemand, der sich erst zehn Minuten vor dem Frühstück aus dem Bett schält. Darüber hinaus ist es erstens momentan eiskalt, d.h. deutlich unter dem Gefrierpunkt, und zweitens wird im Kloster meistens sowieso nur zweimal am Tag gegessen – schon wird aus dem für westliche Augen wohl eher eklig anmutenden deftigen Frühstückssakrileg eine willkommene Stärkung für den frierenden und hungrigen Körper. Gegessen wird grundsätzlich in einem großen Speisesaal zusammen mit allen Mönchen. Einer liest laut aus einem religiösen Text vor (z. B. hagiographische Abhandlungen), während der Rest sich schweigend und hastig die dringend benötigten Kalorien verabreicht. Wenn der Abt das Klingelzeichen gibt, ist das Essen beendet – aber keine Angst, meistens wartet er, bis jeder halbwegs aufgegessen hat. Am Vormittag haben wir bei wieder einmal sonnigem, aber kaltem Wetter die Gelegenheit, mit einem Pickup hinunter zum Meer zu fahren, wo der Anschluß an ein Schiff besteht. Eine Mischung aus Abenteuerlust und blanker Angst macht sich breit, als wir sehen, daß wir die einzigen Fahrgäste sind und wieder der serbische Motorsportler von gestern fährt. Nein, so schlimm ist es heute nicht; er fährt einigermaßen anständig – aber immerhin rät er meinem Vater, der auf dem Beifahrersitz Platz genommen hat, dringend davon ab, sich anzugurten, während ich hinten auf der Ladefläche des Pickup eine kostenlose Abgasbedröhnung bekomme ... An der kleinen idyllischen Anlegestelle angekommen, warten wir zusammen mit einem jungen rumänischen Mönch, der am Strand nach schönen Steinen sucht, aufs nächste Schiff. Dann kommt die Fähre und bringt uns bis zum Haupthafen des Athos, nach Dáphni („Lorbeer“). Zusammen mit Karyés, dem Hauptort, ist er die einzige zivile Ansiedlung hier. Aber was heißt Ansiedlung: Wer wohnt schon hier in diesem trostlosen Gebäudekomplex, außer vielleicht der Wirt der kleinen Kneipe und die paar Polizisten vom Zoll? Was bei der Schiffsfahrt schon angeklungen ist und sich hier in Dáphni verstärkt, wird nach der viel zu teuren Jeepfahrt hinauf nach Karyés zur traurigen Gewißheit: Immer mehr heruntergekommene Individuen finden den Weg zum Athos. Es sind Männer, die in der „normalen“ Gesellschaft scheinbar keinen Platz, hier aber eine Nische finden, um ihrem halb-asozialen Taugenichts-, Tagelöhner- und Alkoholikerdasein nachzugehen. Gerade in Karyés ist es sehr deutlich: Die meisten Zivilisten, die man hier sieht, sind unrasiert und rauchen den ganzen Tag; viele tragen Militär-Flecktarnkleidung; sie halten sich stundenlang in der Kneipe auf und beweisen, daß der Athos zu einer Anlaufstelle für unterste soziale Schichten geworden ist. Meistens sind dies aber eben nicht gern gesehene Einzelpersonen, die ihr Leben ändern möchten oder zumindest in irgendeiner Form geistige Kraft tanken wollen, sondern Grüppchen von oft recht ordinären Typen, die sich hin und wieder als Arbeiter verdingen. Daß es bei solchen Zuständen immer wieder einmal zu grotesken Begegnungen zwischen einem asketischen, sich nur in geistigen Welten bewegenden Mönch und irgendeinem angetrunkenen armen Teufel kommt, braucht nicht erwähnt zu werden. Ein wenig deprimiert wegen den hier auf dem Athos eher überraschenden Phänomenen wie Dekadenz, Geldgier und vulgärem Benehmen, die für uns zumindest in Ansätzen sichtbar wurden, beziehen wir Quartier bei einer russischen, klosterähnlichen Gemeinschaft. Aber warum sollte man sich von solchen Erscheinungen deprimieren lassen! Wo Menschen sind, sind menschliche Schwächen, und auch die Mönche selbst sind davon verständlicherweise nicht immer ausgenommen, noch weniger wir selbst.

 

Noch mehr traurige Dinge

 

Der nächste Tag bringt wieder einmal sehr kaltes und jetzt auch wolkiges Wetter. Gestern nachmittag war noch ein wunderschöner Spaziergang durch den Schnee möglich gewesen, den Gipfel des Athos immer als unerreichbar hoch aussehenden Berggigant vor unseren Augen und natürlich mit Blick aufs Meer, den man hier auf der Halbinsel fast immer hat. Heute aber bewirkt das diesige Wetter eine Intensivierung der sowieso schon überdeutlichen Tristesse von Karyés. Eine Hauptstadt voller leerstehender und verfallender Gebäude, die Straßen voller hungriger, meist abgemagerter Katzen. Und dann wieder ganze Hundertschaften von suspekten Zivilisten. Sind es Arbeiter? Sind sie arbeitslos? Was machen sie hier? Und vor allem: Wo kommen sie her, denn schon wieder hört man Sprachen, die man einfach nicht identifizieren kann. Ich kann leider nicht umhin, das Bild von Karyés noch dadurch zu drastifizieren, indem ich einen ganz schlimmen Mißstand zu Wort bringe, der mir in Griechenland schon oft aufgefallen ist, der uns aber hier in Karyés so deutlich ins Auge springt, daß wir lachen müssen: Der völlig verantwortungslose Umgang mit Ressourcen. An zwei Beispielen wird uns dieses Phänomen wieder aufs Tragikomischste vorgeführt. Erstens: Mehrere Kleinbusse stehen mit laufendem Motor, aber ohne Fahrer auf dem Dorfplatz. Nichts geschieht. Eine halbe Stunde brummen die Motoren scheinbar selbstzufrieden vor sich hin – völlig umsonst. Faulheit? Angst vor der Stille? Das befriedigende Geräusch eines laufenden Motors? Zu gern möchte ich wissen, was der Beweggrund für solcherlei Aktionen ist. Zweitens: Um dem Einfrieren der Wasserleitungen vorzubeugen, sind alle vier Wasserhähne des öffentlichen Klos von Karyés voll aufgedreht und laufen anscheinend 24 Stunden durch – obwohl die Toiletten täglich von einer sicher nur zweistelligen Zahl an Leuten in Anspruch genommen werden; da hätte man auch eine andere Lösung finden können. Motoren und Wasserhähne: Beides läuft und läuft und läuft. Und niemanden scheint es zu stören. Ich vermute, daß diese Unfähigkeit des verantwortungsvollen Umgangs mit Rohstoffen einmal ihren Preis fordern wird. In einer Zeit der Luftverschmutzung und des Süßwassermangels in vielen Teilen der Welt wirkt so ein Verhalten sehr dekadent und deutet darauf hin, daß es nicht ewig so weitergehen kann.

 

Gott ist Liebe

 

Nachdem wir uns im Regierungsgebäude von Karyés unsere Aufenthaltsgenehmigung verlängern haben lassen, fahren wir wieder hinunter nach Dáphni und steigen dort einmal mehr aufs Schiff, um noch weiter nach Süden fahren, wo die Halbinsel steiler, felsiger und spektakulärer wird. An einigen sehenswerten Klöstern vorbei geht es bis nach Agíou Pávlou, von wo aus wir wandernd das letzte Stück bis Nea Skiti, einem winzigen „Mönchsdorf“ aus lauter lose aneinandergefügten Mönchs-Anwesen hinter uns bringen. Im Gegensatz zum sogenannten koinowitischen Klosterleben sind die Mönche von Nea Skiti „Idiorhythmiker“, d.h. sie bestimmen ihren Tagesablauf im Großen und Ganzen selbst. Jeder hat eine eigene kleine Kapelle in seinem Haus, wo er zusammen mit seinen Gästen, Arbeitern oder anderen Mönchen, die bei ihm wohnen, eigenständig die Messe zelebrieren und Andachten abhalten kann; lediglich an Sonn- und Feiertagen trifft sich ganz Nea Skiti in der zentralen Kirche. Wir sind bei Nikon zu Gast, einem Malermönch, den wir schon lange kennen und der sich immer wieder über unseren Besuch freut. Nikon ist ein besonderer Mönch (aber gibt es nicht-besondere Mönche?): Während er in seinem „früheren“ Leben Rechtsanwalt war, ist er jetzt bekannt für seine brillianten, selbst gemalten Ikonen. Nikon ist auch leidenschaftlicher Hobby-Fotograf; dabei bevorzugt er allerdings die Hersteller Olympus und Canon, und nicht, wie man vielleicht vermuten könnte, Nikon. Darüber hinaus spricht er ganz gut Englisch, was die Kommunikation erleichtert. Momentan ist Nikon aber außer Haus, und wir werden von seinem Novizen Konstantinos, der sich sogar auf Deutsch zu verständigen weiß, sowie einem älteren Mönch namens Petros begrüßt. Kaum verbringen wir ein paar Tage bei Konstantinos und Petros in Nea Skiti, bekommen wir gleich wieder einen ganz anderen Bezug zum Athos. Im Gegensatz zum oft bedrückenden, strengen Klosterleben regiert hier die Freude, es wird dreimal am Tag gegessen und überhaupt ist alles irgendwie entspannter (Konstantinos, der demnächst Mönch wird, diskutiert mit uns über den deutschen Fußball). Freilich sind auch hier die Annehmlichkeiten rudimentär, und man ist gezwungen, entweder zu stinken oder eiskalt zu duschen. Ohne zu zögern entscheide ich mich für Letzteres, denn wann hat man schon einmal die Gelegenheit, beim eiskalten Duschen zum Fenster hinauszuschauen und dabei weiße Schneeflächen, aber gleichzeitig in der Sonne leuchtende Orangen zu sehen? Der Balkon ist ein Traum: Mit wunderbarem Blick aufs Meer kann man dasitzen, die jetzt im Februar seltenen Sonnenstunden genießen, die Katzen streicheln und sich über die Fertilität des vom Winter anscheinend unbeeindruckten Zitronenbaums wundern. Über die steilen Steinstufen von Nea Skiti, die mit Oliven und Maultiermist garniert sind, spaziere ich zum Hafen hinunter, finde viele schöne Steine und freue mich über die wohltuende Ruhe. Wir haben also wieder einmal viel Zeit, Zeit zum Nachdenken und vor allem auch zum Lesen. Mit Büchern über die Orthodoxie, das frühe Christentum, das Ende der Antike und die Kirchenväter versuche ich mir einen historischen Kontext zu schaffen, der die Erlebnisse, die wir hier machen, kontrapunktiert und meinerseits vielleicht irgendwie zu einem ganzheitlicheren Verständnis der Mönche, ihres Glaubens und der Welt im allgemeinen beitragen kann. Ganz entscheidend in meinem literarischen Kanon ist natürlich auch das griechische (Koiné-)Evangelium, dieser „Urtext“, der den Kern des Christentums darstellt. Wenn man die entscheidenden Aussagen des Neuen Testaments in der ursprünglichen, sprachlich ganz schlichten Version liest, bekommt man einen ganz neuen und unmittelbaren Bezug dazu. Einen so unmittelbaren, daß alle konfessionellen und theologischen Streitereien und all die engstirnigen religionspolitischen Konflikte etwas in den Hintergrund treten und angesichts einer relativ simplen, aber umso deutlicheren Wahrheit verblassen. Pater Petros, der alte Mönch, sagte mir einmal in einem Gespräch: „O Theós íne agápi“ – Gott ist Liebe. Es kann so einfach sein.

 

Unterwegs

 

Dann brechen wir wieder auf, um noch andere Orte kennenzulernen; der Abschied ist aber nur vorläufig, da wir nach ein paar Tagen noch einmal nach Nea Skiti zurückkehren wollen. Mit dem Schiff umrunden wir das Südwestkap des Athos und damit eine äußerst wilde Landschaft: Senkrecht schießen die Felswände aus dem Wasser empor, gehen dann in etwas flacheres, bewaldetes Gelände über und ziehen sich dann noch unvorstellbar weit nach oben, um endlich auf 2033 m Höhe im Gipfel des Athos zu kulminieren. Vom Schiff aus kann man mitten in der Steilwand die ein oder andere Hütte erspähen – das sind Einsiedler, die sich den abweisendsten und unwohnlichsten aller möglichen Orte ausgesucht haben, um in irgendeine Felsnische ihren Verschlag hineinzubasteln und dort in größter Ausgesetztheit und direkt über dem tosenden Meer ihr weltabgeschiedenes Leben zu führen. Unglaublich! Unser Weg führt uns von einer kleinen Anlegestelle steil hinauf zu den sogenannten Danieliden, die ein paar hundert Meter über dem Meer deutlich komfortabler als die Einsiedler im idyllisch-mediterranen Ambiente wohnen und ebenfalls für ihre Ikonen bekannt sind. Ein wahrlich entrückter Ort – es ist so still! Immer wieder geht der Blick hinaus aufs Meer, weit hinaus, dorthin, wo Erde und Himmel in einem konturlosen Horizont ineinander übergehen... Ein Spaziergang auf einem landschaftlich sehr attraktiven Höhenweg offenbart uns interessante Ein- und Aussichten: Hier eine moderne Sonnenkollektoranlage direkt hinter einer in sich zusammengestürzten Hausruine, dort eine frisch an den Hang geklebte luxuriöse Steinvilla, die von mehreren Mönchen bewohnt werden wird. Woher kommt das Geld? Daß die EU seit Jahren Gelder in das Weltkulturerbe Athos pumpt, ist uns klar, aber trotzdem bleibt manches etwas mysteriös. Unsere Unterkunft für heute ist unbeheizt, was bei den kalten Nächten etwas unangenehm ist, aber daß Griechenland (und der Athos erst recht!) nicht umfassend wintertauglich ist, weiß man ja. Zu den Mahlzeiten müssen wir allein in einem separaten Zimmer sitzen, was eine uns schon bekannte, gern praktizierte Diskriminierungsmaßnahme ist. Jungs, ihr habt nicht begriffen, daß Gastfreundschaft bei der Tischgemeinschaft anfängt! Tags darauf erwartet uns eine weite Wanderung um den ganzen Berg herum. Die Vegetation bietet hier mit Steineichen- und Kastanienwäldern einige sehenswerte Mittelmeer­schmankerl auf, und zahllose, tiefe Pflügspuren im Boden zeugen davon, daß hier nachts auch die Fauna in Form von Wildschweinen tatkräftig am Werk ist. Trotzdem stellen auch diesmal weniger die landschaftlichen Reize als vielmehr die menschlichen Begegnungen die nachhaltigsten Erlebnisse dar. In einem kleinem Häuschen hoch über dem Meer pausieren wir kurz und realisieren erst hinterher, welch sonderbares Erlebnis uns hier beschert ist. Als wir eintreten, sind einige Mönche gerade damit beschäftigt, Rosenkränze zu knüpfen; wir werden klassisch bewirtet, und der älteste und offensichtlich unumstrittene „Chefmönch“ stellt uns ein paar Fragen, um dann einen langen Monolog zu beginnen. Da er Griechisch redet, ist es schwer, ihm zu folgen, aber ich verstehe das meiste halbwegs. Als er hört, daß wir katholisch sind, muß er unweigerlich auf das Thema Kirchenspaltung zu sprechen kommen; auch das obligatorische „filioque“ erwähnt er (zur Erklärung: Rom hatte das Glaubensbekenntnis dahingehend erweitert, daß der Heilige Geist nicht mehr nur vom Vater, sondern auch vom Sohn, eben „filioque“, ausgehe. Daraufhin spaltete sich die Ostkirche im Jahr 1054 ab [wobei das „filioque“ natürlich nur der Anlaß, nicht die alleinige Ursache des Schismas war]). Der Mann und seine Worte sind sehr interessant; er bekundet uns sein Bedauern, daß die Kirche nicht einig ist und fragt uns nach unserer Meinung. Mangels Detailwissen können wir natürlich nicht in eine theologische Diskussion mit Tiefgang einsteigen, zumal auf Griechisch! Der Mönch jedenfalls ermuntert uns, viel zu lesen und selbst die Wahrheit zu finden. Die Wahrheit, so sagt er, sei so einfach ... Eine bemerkenswert liberale Einstellung, die der alte Mann da zeigt; nicht einfach nur glauben soll man, was einem vorgesetzt wird, sondern selbst den Verstand einschalten und nach dem Richtigen suchen. Auch ist er einer der ganz wenigen Mönche, die offen kritisieren, daß es auf dem Athos immer mehr Kraftfahrzeuge gibt. Tatsächlich ist auch dies eine bedenkliche Entwicklung, die ungebremst voranschreitet: Während vor 20 Jahren noch fast alle Transporte und Märsche zu Fuß oder mit dem Maultier (oder natürlich mit dem Schiff) durchgeführt wurden, ist der Athos heute von einem gnadenlos vorangetriebenen Netz an Fahrstraßen überzogen. Mittlerweile wird jedes Kloster von Jeeps bedient, die meisten alten Pfade sind durch Straßen zerstört oder uninteressant geworden und von der wuchernden Wildnis verschluckt. Wo man sich auch befindet auf dem Athos: Oft ist der Lärm von fahrenden LKWs zu hören, Kettensägen rasseln kilometerweit durch die Gegend und ganz allgemein nimmt einfach durch die umfassende Motorisierung die Bequemlichkeit zu. Weil man nicht mehr beschwerlich zu Fuß gehen muß, kommen natürlich auch umso mehr Leute, die dafür sorgen, daß die Nachfrage an Fahrstraßen und Autos noch größer wird usw.; am vorläufigen Ende einer solchen Entwicklung stehen dann die Szenarien, wie man sie in Karyés und Dáphni erlebt – viele abgestürzte Typen und laufende Motoren. Aber auch ich muß mich selbst hinterfragen, denn auch ich bin mit dem Jeep gefahren – wenn ich auch gerne gewandert wäre. Kann und soll man sich gegen derart unaufhaltsame Entwicklungen überhaupt wehren? Traurig ist halt das Revolutionäre, Unkontrollierbare an diesen Vorgängen: 1000 Jahre lang gab es auf dem Athos nur Fußwege – und dann bricht in wenigen Jahrzehnten eine Flut von Bulldozern, Autos, Handys und anderen „Errungenschaften“ herein. Mit gemischten Gefühlen verlassen wir schließlich den Mönch und seine Kollegen wieder, nicht ohne durch ein Bild verwirrt worden zu sein, das an der Wand hing: Abgebildet war ein klassisches Ikonenmotiv, nämlich die Mutter Gottes mit dem kleinen Jesus, jedoch waren im Hintergrund die griechische Flagge sowie ein Kampfhubschrauber, ein Kriegsschiff und ein Panzer zu sehen. Ich verstehe die Welt nicht mehr ... Wir sind noch Stunden zu Fuß unterwegs, ohne einen Menschen zu treffen und kommen schließlich in einer klosterähnlichen Anlage an; diesmal handelt es sich um rumänische Mönche. Das Essen hier ist üppig wie nie; allmählich wird klar, daß in wenigen Tagen die Fastenzeit beginnt und daher mit den Köstlichkeiten nicht gespart wird. Da die Mönche z. T. wirklich streng fasten – also beispielsweise am Beginn der Fastenzeit drei Tage nichts essen und nichts trinken – muß man sich zuvor schon nochmal was gönnen! Die nächste Etappe führt uns ins älteste und ranghöchste Athoskloster, Megístis Lávras. Besonders die wunderschönen Gemälde in der Hauptkirche fallen einem hier auf, aber leider auch der Lärm zahlloser Arbeiter und die durch die vielen Besucher (zu?) professionelle und anonyme Gastfreundschaft. Einer der Mönche ist ein Ostasiat – was hätte der wohl für eine Lebensgeschichte zu erzählen? Ein schönes Erlebnis ist uns durch das ausnahmsweise frühlingshafte Wetter beschert: Beim stundenlangen Sitzen am Meer können wir wieder einmal so richtig ausspannen und die Gedanken schweifen lassen. Später in der Kirche beweist der Lektor unmißverständlich und auf amüsante Weise, daß es kein Volk auf der Welt gibt, das schneller sprechen kann als die Griechen, denn seine Rezitationsgeschwindigkeit geht gegen die Grenzen des vom menschlichen Sprechapparat Machbaren. Der Gesang hingegen ist (endlich einmal!) einfach nur überwältigend gut. Wieder einen Tag später steht uns schließlich – nach einem hochinteressanten Artischocken­frühstück mit Rotwein – der weite Rückmarsch nach Nea Skiti bevor. Als wir uns verabschieden, will man uns nicht glauben, daß wir diese Strecke tatsächlich zu Fuß gehen wollen; immer wieder weist man uns irritiert darauf hin, daß wir doch auch mit dem Jeep oder dem Schiff irgendwohin fahren könnten – ein trauriges Indiz dafür, wie sehr die Leute hier schon die motorisierte Mobilität verinnerlicht und zum Normalfall erklärt haben. Während früher eine längere Wanderung absolut nichts Außergewöhnliches war, wird man heute dafür schief angeschaut. O tempora! Wir ziehen jedenfalls unsere Tour durch und kommen am späten Nachmittag nach vielen schönen Stunden Marsch endlich wieder in Nea Skiti an. Erleichtert beziehen wir wieder unsere Zimmer und freuen uns schon auf die verbleibende Zeit hier, denn: Nikon ist zurück! Und wir wissen, daß heute wohl der letzte wirklich anstrengende Tag war. Er geht mit einer Vesper in der Hauskapelle, einem einfachen Abendessen und der gewohnten Bettlektüre zu Ende.

 

Müll

 

Wieder beginnt ein Tag, der so manche Erlebnisse bringt, die mich einfach nur den Kopf schütteln lassen. Im Gottesdienst wird einmal mehr offensichtlich, welch unterschiedliche Vorstellungen man von angemessener Gottesverehrung haben kann. Während in der katholischen Kirche meistens Wert auf deutliches Sprechen, richtiges Singen und zurückhaltende Andächtigkeit gelegt wird, sind wir hier nicht zum ersten Mal mit dem Gegenteil konfrontiert: Die Gebete, Psalmen usw. werden so zügig und scheinbar lustlos runtergeeiert, daß man kein Wort mehr versteht (vor allem das rasend schnelle Erledigen von 40 „Kyrie eleison“ en bloc würde einem Phonetiker die Tränen in die Augen treiben); der Gesang ist sehr schräg, und man fällt überhaupt nicht negativ auf, wenn man als Zivilist in der Kirche ungeniert und mit makabrer Lautstärke den zähflüssigen Inhalt seiner Bronchien, Eustachischen Röhren und anderen HNO-Schatzkammern mit endzeitlichen Geräuschen dem Rest der wehrlosen Kirchgängerschaft offenbart. Man muß das wohl unter der Überschrift „andere Länder, andere Sitten“ hinnehmen und abhaken. Sympathisch ist der Mönch, der nachmittags beim fehlgeschlagenen Versuch, einen Stromgenerator flottzukriegen, laut „skatá!“ ruft – „Scheiße“. Der traurige Höhepunkt des Tages betrifft jedoch die bisher nicht angesprochene Müllproblematik. Schon in den vergangenen Tagen waren wir mehrmals mit der deprimierenden Tatsache konfrontiert gewesen, daß die traumhafte Landschaft zunehmend durch Abfall verschandelt wird. Immer wieder eröffnet einem der Blick hangabwärts nicht nur die Aussicht aufs Meer, sondern auch auf versteckte kleine Müllkippen, deren ganzes Ausmaß meist vom dichten Buschwerk kaschiert wird. Uns war ja durchaus von diversen früheren Athos- und Griechenlandreisen bekannt, daß hierzulande ein Müllproblem besteht. Aber was wir in dieser Hinsicht heute erleben, setzt dem Ganzen die Krone auf: Nikon bittet uns, ein wenig bei der Haus- und Gartenarbeit mitzuhelfen, was wir selbstverständlich gerne tun. Ein Punkt auf der Agenda ist allerdings auch das „Wegbringen“ von Müll – der geneigte Leser kann bereits hier seine Kombinationsgabe einsetzen, um die Geschichte selbst zu Ende zu denken. In jeder Hand einen dicken Müllsack, folgen wir Konstantinos und verlassen auf einem Fußweg allmählich Nea Skiti. Das Unfaßbare wird immer mehr zur Gewißheit und schließlich zur akuten Farce, als Konstantinos mit einem prüfenden Blick die buschbewachsenen Hänge unterhalb des Pfades inspiziert und kennermäßig urteilt: „Hier ist es gut.“ Dann beginnt er mit Schwingbewegungen, um seinen Abfall möglichst weit hinabzuschleudern. Tatsächlich – wir sollen die Müllsäcke einfach in die Landschaft werfen! Wütend stelle ich die teuflischen Dinger ab, sage Konstantinos, daß ich solche Sachen nicht mache und dampfe erregt ab. Ich kann es kaum fassen – selbst die Mönche werfen ihren Müll einfach in die Natur! Da halten sie Nachtwachen ab, bringen sich um den Schlaf, um bei der erwarteten Wiederkehr Jesu nicht von selbigem schlummernd vorgefunden zu werden, gemäß seinem Wort „was schlaft ihr denn; steht lieber auf und betet“; aber daß sie mit ihrem Müllverhalten den Garten ihrer so innig und euphorisch verehrten Gottesmutter Maria verschmutzen, scheint niemand als Paradoxon wahrzunehmen. Zunächst habe ich wirklich die Befürchtung, daß mir diese Aktion die ganze Reise vermiesen könnte; ich bin zutiefst deprimiert und ein bißchen empört über solche Hirnlosigkeiten im Umgang mit der Umwelt. Wir erfahren dann noch, daß es einfach keine Müllabfuhr gibt; Konstantinos und Nikon sehen sich da selbst als hilflose Rädchen im großen Getriebe, die sich willfährig mitdrehen müssen. Dabei wäre es so einfach: Man müßte nur seine Müllsäcke die 100 Meter hinunter zum Hafen bringen, wo sie eines der mehrmals täglich verkehrenden Schiffe hinaus in die Zivilisation bringen könnte. Aber so weit scheint keiner zu denken. Hier fehlt mal wieder ein starker, weitsichtiger Mann, der Befugnisse hat und energisch durchgreift. Bald schlägt meine Wut in schulterzuckende Resignation um, denn was kann ich als „falschgläubiger“ Tourist schon bewirken? Wenn die Männer, die hier die Macht haben, nicht von sich aus Sensibilität für derartige Probleme entwickeln, wird nichts vorangehen. Auch die EU muß sich die Frage gefallen lassen, warum anscheinend die fetten Fördergelder nicht an die Erfüllung von Umweltauflagen gekoppelt sind. Der Tag meint es dann aber doch auch noch ein wenig gut mit uns, denn es ist uns noch eine schöne Begegnung vergönnt: Wir besuchen den Mönch Ilaríon in seinem Haus, werden prompt bewirtet und können ihm einige aus Olivenöl selbst fabrizierte Seifen abkaufen. Trotz oder gerade wegen allem: Es wird Zeit, daß wir den Athos wieder verlassen. Morgen ist es soweit.

 

Abschied

 

Nach dem mittlerweile gewohnten Zwei-Stunden-Morgengottesdienst (mit schönem mehrstimmigem Gesang) verbringen wir den letzten Vormittag bei Nikon, was uns wieder etwas versöhnt. Er packt seine fotografischen Schätze aus, die er im Laufe der Jahre auf dem Athos fabriziert hat und kann damit wirklich begeistern. Nach einem letzten satten Mittagessen – das auch für die Mönche das letzte vor der großen Fastenzeit ist – verabschieden wir uns (wobei wir bei dieser Gelegenheit noch mit Geschenken überhäuft werden) und steigen hinunter zum Hafen. Das Wetter ist relativ schlecht; vor allem windig und kalt, aber wir ziehen doch das aussichtsreiche Oberdeck der Fähre dem beheizten Innenraum vor. Nur noch einmal betreten wir kurz Athosboden, als wir uns bei einem Zwischenstop in Dáphni der lächerlich oberflächlichen Gepäckkontrolle stellen müssen – nachdem ja sogar schon Mönche Ikonen und andere Kunstgegenstände geklaut haben, ist diese Maßnahme verständlich. Auf dem Schiff haben wir mehrere Stunden Zeit, den Athos tatsächlich wie gedanklich noch einmal an uns vorbeiziehen zu lassen. Trotz der vielen negativen Erlebnisse und der deprimierenden Momente habe ich irgendwie das Gefühl, daß mir mit zunehmender Entfernung von diesem Stück Land ein Schatz durch die Finger rinnt. Ich kann nicht sagen, warum. Jedenfalls spüre ich ganz deutlich, daß dieser Erdenfleck hier etwas Besonderes ist. Ich habe die tröstliche Gewißheit, daß mich der Aufenthalt hier in mancherlei Hinsicht bereichert hat. Trotz aller erkennbarer Weltlichkeit ist und bleibt der Athos ein mystisches Faszinosum.

 

Ouranoúpolis und sein Umland (und noch mehr Müll)

 

Am Abend sitzen wir in einer Taverne und feiern die Reise, uns und überhaupt. Während uns griechische Gäste und der Wirt mit Deutsch- und Türkischkenntnissen überraschen und erfreuen, schreibt ein einzeln an einem Tisch sitzender Mönch ein weiteres trauriges Kapitel der großen Athos-Saga: Er ist betrunken, lallt herum, vertreibt sich die Zeit mit dem lokaleigenen Fernseher und bekreuzigt sich grinsend beim Anblick jeder halbwegs attraktiven Frau, die ihm das Programm auf den Bildschirm wirft. Auch wenn der Mann radikal gegen seine Gelübde verstößt, verurteile ich ihn nicht; ich habe nur Mitleid mit ihm. Sein Benehmen erzählt von den oft lebenslangen, schweren inneren Kämpfen, die man als Mönch auszutragen hat. Am nächsten Morgen genießen wir zunächst dankbar ein Frühstück, das uns eine alte Dame kostenlos auftischt, bei der wir früher schon mehrmals zu Gast waren. So etwas ist echte Gastfreundschaft und tut nicht nur dem Magen gut, der den Kaffee nach dem eher zügellosen Wein- und Schnapskonsum des vergangenen Abends dringend als Medizin benötigt – es tut auch menschlich gut. Überhaupt ist bemerkenswert, was die Leute hier für ein Gedächtnis haben: Die alte Frau hat uns bzw. meinen Vater ebenso nach vielen Monaten wiedererkannt wie der Wirt gestern abend, der weiß Gott in der Zwischenzeit hunderte anderer Gäste hatte. Auf dem Programm steht heute eine Besichtigung des Xerxes-Kanals, wozu wir mit dem Bus ein paar Kilometer nach Norden fahren, dorthin, wo die Athos-Halbinsel ansetzt und am schmalsten ist. Nachdem der persische Herrscher Xerxes im Jahre 480 v. Chr. bei einem Griechenland­feldzug im stürmischen Meer am Südkap des Athos seine Flotte ohne Feindeinwirkung verloren hatte, spielte er beim nächsten Versuch Gott und ließ von fragmichnichtwievielen bedauernswerten Sklaven einfach die Halbinsel durchstechen, so daß er mit der Flotte entspannt hindurch- und die widrigen Verhältnisse am äußersten Ende der Halbinsel umfahren konnte. Heute ist der Kanal freilich längst keiner mehr – im Laufe der Jahrtausende wurde die Wasserstraße durch Menschenhand oder einfach durch den Zahn der Zeit wieder zugeschüttet. Erkennbar ist der Verlauf aber schon noch – und seltsam der Gedanke an derart weit zurückliegende Zeiten. Unser Spaziergang entlang des alten Kanals führt uns auch in die Ortschaft Nea Roda. Wie alle Ansiedlungen hier wurde Nea Roda in den 20er-Jahren aus dem Boden gestampft, als im Zuge des griechisch-türkischen Bevölkerungs­austauschs – was steriler und weniger nach Massenelend klingt, als zugunsten historischer Korrektheit wünschenswert wäre – Hunderttausende kleinasiatische Griechen, die bis dato unter den Fittichen des Osmanischen Reichs gelebt hatten, im griechischen Staatsgebiet eine neue Bleibe finden mußten. Nea Roda ist eines der trostlosesten Dörfer, die ich je gesehen habe. Weite Landstriche im Umland sind übersät mit biologisch nicht abbaubaren Abfällen, und wie zum Hohn steht auch ein vor sich hinrostendes Schild da, das darum bittet, keinen Müll in die Landschaft zu werfen. Aber auch mitten im Dorf: Müll, wohin man blickt; Müll, soweit das Auge reicht; Müll, Müll, MÜLL!!! Der Strand ist eine einzige Müllkippe. Grotesk: Aus einer Reihe von am Straßenrand stehenden Müllcontainern ist einer in die dahinterliegende, verdreckte Wiese hinuntergefallen und sieht selbst aus wie weggeworfen – Meta-Müll! Ich frage mich, wie die Menschen hier so leben können. Wie anspruchslos muß man sein, um in so einem Dreck sein Dasein zu fristen? Leute, wir befinden uns hier in einem EU-Staat, und auch in Nea Roda hat man ein gewisses, nicht allzu niedriges Durchschnittseinkommen! Wenn der Wille da wäre, könnte es hier echt anders aussehen – aber anscheinend hat daran niemand Interesse. Wie traurig! Dazu noch das bauliche Ortsbild: Wie überall in Griechenland gibt es hier keine richtige Raumplanung, d.h. man weiß oft nicht, wo eine Siedlung beginnt und wo sie aufhört. Man baut einfach willkürlich in die Landschaft. Ergebnis eines solchen Vorgehens ist dann natürlich, daß fast die gesamte vorhandene Landfläche sprenkelartig zersiedelt ist und sich die menschlichen Ansiedlungen nicht irgendwie harmonisch ins Relief eingliedern, sondern die Landschaft mit häßlichen, unkompakten Gewerbe- und Wohngebieten überformen. Hochinteressant und für mich nicht einer bestimmten Ideologie zuzuordnen ist übrigens das hier mehrfach auftauchende Phänomen, daß man einen echten Güterwaggon im Garten stehen hat. Kein Witz! Nach einer weiteren Nacht in Ouranoúpolis brechen wir auch hier endgültig unsere Zelte ab und treten die Busfahrt nach Thessaloniki an. In Erinnerung bleibt nicht zuletzt der Friedhof des Dorfes, den wir auch noch besichtigt haben. Auffällig dabei vor allem das erstaunliche Alter der Verstorbenen; im hinteren Teil des Friedhofs erreichte mindestens jeder zweite die Marke von 90 Jahren; einer hatte das biblische Alter von 102 erreicht. Man wird alt in der Himmelsstadt.

 

Thessaloniki

 

Thessaloniki, vom baulichen Erscheinungbild her sicher keine besonders schöne Stadt und dennoch liebenswert und faszinierend, nimmt uns für die letzten Tage unserer Reise auf. Besonders in Erinnerung bleiben mir das Universitätsgelände, das ein einziges großes Werbeforum der kommunistischen Partei ist, die alte Festung hoch oben auf einem Hügel, von der man einen traumhaften Blick über die Stadt hat, und natürlich der Markt: Auf einer relativ kleinen Fläche bietet er so ziemlich alles, was einen Innereienliebhaber und jeden anderen, der es kulinarisch eher rustikal mag, glücklich macht. Das Fleisch hängt und liegt natürlich ungekühlt in der Gegend herum; baumelnde Lämmer und Puten bilden zusammen mit sorgfältig aufgereihten Schweineköpfen und verlockend daliegenden Rindernieren, -herzen, -lebern, -zungen und -hoden ein buntes Potpourri, das freilich um Nuancen anders wirkt als ein keimfrei in der Box geborenes, mit Antibiotika großgespritztes, fabrikmäßig geschlachtetes und steril eingeschweißtes Massenhaltungshühnchen eines deutschen Supermarkts. Man kann tatsächlich den Eindruck gewinnen, daß die gigantischen Fleischteile hier weniger wirklich verkauft werden sollen, sondern vielmehr aus Prestigegründen ausgestellt werden. Griechische Körperwelten vom Schwein, nicht ganz frisch, vielleicht sogar schon Nährboden des nächsten Fliegennachwuchses – ist aber billig und macht bestimmt satt! Passend zum optischen Reiz dieser Fleisch- und übrigens auch Fischorgie schreien die Verkäufer, was das Zeug hält, um ihr Cholesterin an den Mann zu bringen. Ein Spaziergang durch diesen Markt ist wirklich ein besonderes Erlebnis, das so ziemlich alle Sinne betört. Erwähnenswert sind auch die zahlreichen, verstohlen dreinblickenden Weiblein, die geschmuggelte Zigaretten billig verkaufen. Es muß sich dabei um ein straff durchorganisiertes Netz handeln, das durch die Polizei nicht kleinzukriegen ist. Höhepunkt unseres Thessaloniki-Aufenthalts ist am letzten Abend schließlich die Wahlkampfrede von Geórgios Papandréou, seines Zeichens Spitzenpolitiker der „panhellenischen sozialistischen Bewegung“. Sein Auftritt unter freiem Himmel wird zum Volksfest ungekannten Ausmaßes; Dutzende Flutlichter beleuchten die halbe Innenstadt, wo sich viele tausend Menschen drängen; Boxen beschallen das Volk mit griechischer Musik. Schon lange vor Beginn der Rede ist der ganze Boden von Wahlkampfzetteln bedeckt – einmal mehr ein Hinweis darauf, wie hemmungslos man in diesem Fall mit der Ressource Papier umgeht. Da wird einfach so viel gedruckt und verteilt, daß sofort alles am Boden liegt, und am nächsten Morgen muß es ja nur auf Kosten des Steuerzahlers beseitigt und weggeworfen werden. Alles ist bombastisch und überhaupt nicht zu vergleichen mit einer deutschen Wahlkampfveranstaltung. Jeder zweite schwenkt eine Parteifahne, eine reißerische Frauenstimme wiegelt die Masse auf, und schon Minuten vor dem Erscheinen Papandréous wird ein Feuerwerk gestartet. Nicht Kleckern, sondern Klotzen heißt die Devise. Fünf Minuten nach Beginn der Rede haben wir genug gesehen und gehen – es  folgt  eine letzte Hotelnacht. So abrupt wir vor zwei Wochen in den griechischen Winter geworfen wurden, so schnell und unspektakulär endet unsere Reise jetzt wieder. Während ich bisher für die Rückreise aus Griechenland oft schon gute Nerven und bis zu 46 Stunden an Zeit gebraucht habe, dauert es diesmal keine hundert Minuten vom Hotel bis zum Abheben des Flugzeugs.

 

Menschliches zum Schluß

 

Mir fällt noch etwas Lustiges ein: Immer wenn sich Konstantinos und Nikon über uns unterhielten, nannten sie uns – auch in unserem Beisein, daher kann es nicht abwertend, sondern nur überzeugt und ernst gemeint sein – „i ánthropi“, „die Menschen“. Wenn Konstantinos beispielsweise eine Aussage meines Vaters Nikon auf Griechisch mitteilen wollte, übersetzte er zuerst immer die wörtliche Rede und fügte dann an: „..., sagt der Mensch.“ Seltsam, aber amüsant. Und irgendwie liebenswert.

 

 

 

 Ein trauriger Epilog

 

Vom 13. auf den 14. Februar 2004 hatten wir im serbischen Kloster Chilandar übernachtet. Exakt drei Wochen später ereignete sich dort ein Brand, der sich rasend schnell ausbreitete und erst nach Stunden bekämpft werden konnte. Auslöser des Unglücks war vermutlich eine defekte Heizung. Mindestens zwei Drittel des 800 Jahre alten Gebäudekomplexes wurden durch das Feuer zerstört; der Schaden geht in die Millionen. Immerhin konnten die wichtigsten Schätze des Klosters rechtzeitig gerettet werden. Verletzt wurde niemand.
Auf ein Wiedersehen - wann auch immer ...

 

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